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Montag, 27. August 2018

QUICK & DIRTY: BRTHR / A Different Kind Of Light

Published: 07.09.2018
Label: Backseat
Genre: Folk, Blues, Singer/Songwriter, Country, Americana
Country: Stuttgart, Germany



Members:
Philipp Eissler, Joscha Brettschneider

Ab sofort kann sich Digger Barnes aus HH nicht mehr entspannt zurücklegen, denn ab jetzt muss er die nationale Konkurrenz aus Stuttgart auf dem Schirm haben, wenn er die Nummer 1 in Sachen Americana bleiben möchte.

BRTHR, sprich natürlich Brother, sind zwei junge Kerle aus Schwaben die Musik machen als wären sie mindestens doppelt so alt, wie sie aussehen. Bereits mit ihrem 2017er Debütalbum "Strange Nights" schafften sie es in die Jahrescharts dieses Blogs und 2018 ist ihr minimalistischer AmericanaBlues nun so gut, dass es dringend einer größeren Vorstellung bedarf.



Brettschneider und Eissler beweisen sich erneut als große Freunde der Reduktion! Was nicht zu verwechseln ist mit LoFi, wie die Plattenfirma Backseat in ihrem Info-Sheet die Musik von BRTHR meines Erachtens unpassenderweise beschreibt, denn hier knistert nix und es klingt auch nicht so, als wäre hier Equipment zum Einsatz gekommen, welches nur simpelste technische Anforderungen erfüllt.

Ganz im Gegenteil! Dadurch, dass BRTHR ihren Tönen Raum geben, klingt "A Different Kind Of Light" eher nach HiFi und ruft Vergleiche mit Künstlern wie J. J. Cale ("Love Me Like You Do"), Steely Dan, Dire Straits  ("Waiting On The Day") und mit Abstrichen Calexico hervor. Was wiederum zeigt, dass BRTHR am gegensätzlichen Ende des Americana feilen und so dem Outlaw-Americana von Digger Barnes wohl doch weniger in die Quere kommen.



Auf "A Different Kind Of Light" führen fast immer nur einzelne Instrumente - mal die akustische Gitarre, mal das Keyboard oder eben die E-Gitarre - durch die Songs. Die Unterstützung von anderen Instrumenten (Lap-Steel oder Fender Rhodes) bleibt immer dezent. Es werden zwar Akzente gesetzt, den Songrahmen bilden aber immer ausschließlich das Führungsinstrument und die sanfte Stimme von Philipp Eissler.

D'accord gehe ich mit dem Info-Sheet des Plattenlabels darin, dass der Song "Harder each day" ein echtes Highlight des Albums ist. Es geht in dem Lied um Dinge, die man nicht ändern kann und wie man mit eben dieser unumstößlichen Tatsache umgeht. Wunderschöne sanfte Songwriter-Nummer zum Hineinfühlen.

Als weitere Anspieltipps seien, das im Herzrhythmus pochende "Down the line", das fluffige "Waiting on the day" und die Ballade "Tell me true" genannt. Mein Lieblingssong von BRTHR bleibt aber immer noch "Sun goes down" vom Debütalbum!



Tracklist:
01 One more night
02 Harder each day
03 Love me like you do
04 Down the line
05 True love
06 The way she moves
07 What in the world
08 Waiting on the day
09 Tea cup
10 Tell me true

Montag, 13. August 2018

QUICK & DIRTY: THE VRYLL SOCIETY / Course Of The Satellite

Published: 17.08.2018
Label: Deltasonic
Genre: NeoPsychedelic, PsychedelicRock, Krautrock, SpaceRock
Country: Liverpool, United Kingdom




Members:
Michael Ellis, Ryan Ellis, Lewis McGuinness, Benjamin Robinson, Lloyd Shearer

Als Erstes versuche ich einmal, den seltsamen Bandnamen THE VRYLL SOCIETY zu entschlüsseln. Das Wort "Vril" stammt aus dem 1871 erschienenen Roman "The Coming Race" und wurde vermutlich aus dem lateinischen Wort "virilis", was mannhaft oder kraftvoll bedeutet, abgeleitet. Im Roman gibt es eine unter der Erde lebende Gesellschaft namens Vril-Ya, die über Vril-Kräfte wie Telekinese und Telepathie verfügen und den normalen Menschen deswegen überlegen sind. Von da an übernahmen zahlreiche okkultistische und esoterische Autoren den Begriff in Beschlag und benutzten Vril als Synonym für geheime Kräfte.

Nun schreibt sich die fünfköpfige Liverpooler Band aber nicht "The Vril Society", sondern mit Y und Doppel-L, also THE VRYLL SOCIETY. Wir kaufen deswegen ein E und ein I, um in Zeiten, in welchen Bands gerne mal Vokale im Bandnamen weglassen, den Bandnamen mit Vokalen zu substituieren. Voilà und schon haben wir - THE VERY ILL SOCIETY.

Ob irgendetwas von dieser Herleitung tatsächlich mit dem Bandnamen zu tun hat, steht in den Sternen, aber vielleicht fragen Sie einfach einen befreundeten Okkultisten, Psychedeliker oder ihren Apotheker, was die von der Theorie zur ziemlich kranken Gesellschaft halten? Fest steht aber, wieder etwas gelernt oder kannten sie die Vril-Geschichte schon? Jetzt aber zur tatsächlich kraftvollen [lat. virilis ;-)] Musik der Briten.


"Course Of The Satellite" ist ein Debütalbum mit einem sehr sanften Flow, zwar heben sich einzelne Stücke wie das hymnische "The Light At The Edge" (Achtung Hitpotential!) oder das sehr rhythmische "When The Air Is Hot" hervor, aber im Kern ist dieses Album dazu geschaffen, exakt so gehört zu werden, wie die Band die Songreihenfolge festgelegt hat. Da ist natürlich eine Zumutung für die Menschheit im MP3- und Streaming-Zeitalter für Vinylfeunde hingegen das tägliche Brot ;-).



Bereits beim spacigen Einstiegssong "Course Of The Satellite" wird der dem Psychedelic-Genre geneigten Hörer Vergleiche zu Tame Impala und zu den Temples ziehen, aber dann auch schnell merken, dass hier keine Epigonen am Werk sind, sondern fünf ziemlich talentierte junge Musiker, die Spaß an der Sache haben und ihr eigenes Ding durchziehen.



Das Quintett besteht aus Sänger Mike Ellis, den beiden Gitarristen Lewis McGuinness und Ryan Ellis, Bassist Lloyd Shearer sowie Schlagzeuger Ben Robinson. Ein ziemlich fantastischer Fünfer, der sich für sein Debüt die nötige Zeit genommen hat und sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen lies. Der Lohn ist ein Debütalbum, welches so ausgereift klingt, als hätte die Band bereits zahlreiche Alben vorgelegt.



Auf "Course Of The Satellite" hat man nie den Eindruck, dass Sound vor Melodie oder umgekehrt gilt, denn die Band legt hörbar Wert darauf, dass beides in perfekter Harmonie liegt.

Erst mit häufigerem Hören lässt sich erkennen, wie vielschichtig dieses Album eigentlich ist. Man sollte sich also Zeit nehmen für "Course Of The Satellite", denn dann plötzlich wird der Blues in "Tears We Cry" erkennbar, das feacettenreiche Gitarrenspiel bei "Andrei Rublev" und "Soft Glue", der federleichte Funkrhythmus bei "When the Air Is Hot", der Disco-Beat bei "Inner Life" oder das treibende Bassspiel bei "Shadow Of A Wave".



Tracklist:
01 Course Of The Satellite
02 A Perfect Rhythm
03 Andrei Rublev
04 Glows And Spheres
05 Tears We Cry
06 When The Air Is Hot
07 The Light At The Edge
08 Shadow Of A Wave
09 Soft Glue
10 Inner Life
11 Give In To Me

Mittwoch, 1. August 2018

QUICK & DIRTY: SHANNON SHAW / Shannon in Nashville

Published: 08.06.2018
Label: Nonesuch
Genre: SixtiesPop, RetroPop
Country: Oakland, Califonia / U.S.A.



Members:
Shannon Shaw

Im Februar habe ich mir "Onion" das Album der Band Shannon & the Clams gegönnt. Ein Album, das in Klang- und Erscheinungsbild so Retro ist, dass man kaum glauben mag, dass dieses Album erst 2018 erschien. Die Band gibt es bereits seit 2009, ich hatte aber vorher nie von ihr gehört, aber mittlerweile hat die Band in Dan Auerbach (The Black Keys) einen großen Förderer, der nun auch das Solo-Debütalbum von Sängerin SHANNON SHAW produziert hat, was dazu führen wird, dass Miss Shaw den Presserummel erfährt, den sie verdient hat.

Das mit Auerbach passt bestens, denn der Black Keys-Mann hat mit "Waiting On A Song" 2017 ein Solo-Album herausgebracht, auf dem er alte Songperlen zu neuem Leben erweckt und ebenfalls hemmungslos dem SixtiesPop-Sound frönt. Auf Shannon und ihre Band ist Auerbach wohl, so die Legende, bei einem Konzert in Memphis gestoßen, wo er sich direkt nach dem Konzert alle Longplayer (6!) der Band in einem Plattenladen besorgt hat.



Während Shannon mit den Clams eher nach Sixties-Garage klingt, setzt sie Solo auf den warmen Sixties-Pop-Sound - der auch erstaunlich gut zu ihrer kräftigen, aber warmen Reibeisenstimme passt - und kombiniert diesen mit Country & Western, wie man es auch von Auerbach kennt. Ganz wundervoll nachzuhören beispielsweise beim charmanten "Broke My Own" oder dem mit Mariachi-Bläsern aufwartenden "Leather, Metal, Steel".



Cover und Titel ihres Solo-Debüts spielen natürlich auf den Sixties-Klassiker "Dustin in Memphis" an, und tatsächlich kann Shannon eine ähnliche Aura entfalten wie Dusty Springfields Klassiker aus dem Jahre 1969. Auerbach wollte sich an dieser Messlatte versuchen und hat deswegen auch ganz gezielt zahlreiche legendäre Musiker (Pat McLaughlin, Gene Chrisman, Bobby Wood) ins Studio geholt, die in den 50er und 60er Jahren schon mit den ganz Großen wie Dusty Springfield, Aretha Franklin, Johnny Cash und Elvis musizierten.



So kann man verstehen, weswegen sich Shannon in Interviews gerne weigert "Shannon in Nashville" als echtes Soloalbum zu bezeichnen, da die eher aus dem DIY-Musikbereich kommende Sängerin, die selbst keine Noten lesen kann, stark von den ausgeprägten Skills der Musikveteranen und natürlich von Auerbachs Produzentenfähigkeiten profitierte.

Aber es ist ja eigentlich völlig egal, welchen Namen man dem Kind gibt, fest steht, dass es sich um eine zeitlose Schönheit handelt, bei der sich kaum festlegen lässt, welcher Puzzlestein der schönste ist. Bei mir zur Zeit "Freddies 'N' Teddies".



Tracklist:
01 Golden Frames
02 Bring Her The Mirror
03 Broke My Own
04 Leather, Metal, Steel
05 Freddies 'N' Teddies
06 Love I Can't Explain
07 Cryin' My Eyes Out
08 Goodbye Summer
09 Cold Pillows
10 Lord Of Alaska
11 I Might Consider
12 Make Believe
13 Coal On The Fire

Montag, 23. Juli 2018

QUICK & DIRTY: RUEN BROTHERS / All My Shades Of Blue

Published: 01.06.2018
Label: Ramseur Records
Genre: Rock 'n' Roll, Rockabilly, RetroPop, BeatMusic
Country: Scunthorpe, Great Britain



Members:
Henry Stansall, Rupert Stansall

Es ist selten, dass ich eine Band erst durch einen Liveauftritt kennenlerne, denn meistens gehe ich natürlich zu Konzerten, wo ich die Bands kenne und mich höchsten die Supportband, als große Unbekannte erwartet. Bei den RUEN BROTHERS war es aber so, dass ich durch die INTROducing-Konzertreihe (Konzertbericht) auf die beiden Stansall Brüder aus Scunthorpe in Großbritannien aufmerksam wurde.

5 Jahre später nun endlich das Debütalbum "All My Shadess Of Blue", das nur noch wenig vom rohen Sound hat, den die Band damals beim Konzert innehatte. Ebendeshalb war ich beim ersten Hören des von Rick Rubin produzierten Albums ziemlich irritiert und ich gestehe auch etwas verschreckt, denn eigentlich mag ich es, wenn Musik nicht zu sehr auf Hochglanz poliert wird und die ordentliche Portion Dirtyness stand dem Rockabilly-Rock 'n' Roll der Brüder ausgesprochen gut.



Wer also dreckigen Rock 'n' Roll bevorzugt, der darf sich hier ausklinken, denn "All My Shadess Of Blue" ist produktionstechnisch Klavierlack-Rock'n'Roll der oft an Eddie Cochran, nicht selten an Roy Orbison und manchmal an Elvis Presley erinnert. Es hat etwas gedauert, aber mittlerweile hat sich das Fremdeln mit dem Album gelegt und ich kann der Band ihre Weiterentwicklung positiv bescheiden.



Parallelen zu Gossip fallen mir auf, die unter den Händen von Rick Rubin einen ähnlichen Weg nahmen und dann unerwarteter Weise mit "Music for Men" einen Megaseller lieferten. Das wird den Ruen Brothers sicher nicht passieren, dafür ist ihre Musik zu genrebegrenzt und viel zu weit entfernt von dem, was der Durchschnittsmusikhörer heutzutage konsumiert.

Bevor ich mich dem musikalischen Inhalt der Platte widme, muss unbedingt noch erwähnt werden wie liebevoll das Artwork von "All My Shadess Of Blue" sich am Stil der 50/60er-Jahre orientiert. Das beginnt beim damals hippen "Stereo-Zeichen" auf der Frontseite des Covers und endet beim Anti-Static-Inlay. Schmuggelt irgendwer diese Platte in einen Second Hand-Laden, der nur Beat-Musik und Rock'n'Roll-Scheiben führt wird niemanden auffallen, dass eine Schallplatte aus dem Jahre 2018 zwischen den Oldies steht.



Zur Musik: die Verpackung hält, was sie verspricht - Musik, die sich hingebungsvoll der Frühzeit des Rock'n'Roll widmet. Die Zeit in den die Rolling Stones noch ein Beat-Band waren, als man in Kneipen Groschen einwarf, um die Gaststätte mit der eigenen Musikauswahl auf der Jukebox zu beglücken, junge Frauen noch Fräulein genannt wurden und sich die gerade der Pubertät entsprungenen Halbstarken eine Lederjacke anzogen und Gel, damals noch Pomade, ins Haar schmierten.



Ruen Brothers - Walk Like a Man from Fred Perry on Vimeo.

Zwei Songs stechen aus dem gelungenen Debütalbum hervor, das ist die Nummer "Walk Like A Man" die wie ein 1000-mal gehörter Klassiker klingt und sich unter Rubins Händen stark verändert hat und das grandiose"Aces" mit dem die Brüder Rick Rubin als Produzenten gewinnen konnten.

Für Faktensammler: Die Schalgzeugstöcke auf diesem Album wirbelt übrigens der auch nicht gerade unbekannte Chad Smith und der Bandname generiert sich etwas unkonventionell aus den Vornamen der Brüder RUpert und hENry.

Tracklist:
01 Coyotes Of Malibu
02 Walk Like a Man
03 All My Shades Of Blue
04 Make The World Go Away
05 Finer Things
06 An Evening Dreaming
07 Motor City
08 Aces
09 Summer Sun
10 Vendetta
11 Strangers
12 Caller

Montag, 16. Juli 2018

QUICK & DIRTY: ELEANOR FRIEDBERGER / Rebound

Published: 04.05.2018
Label: Frenchkiss Records (Membran)
Genre: IndiePop, Singer/Songwriter
Country: Ulster County, N. Y. / U.S.A.



Members:
Eleanor Friedberger

Frau FRIEDBERGER und ich haben ein besonderes Verhältnis, auch wenn ELEANOR davon überhaupt nichts weiß! Ich habe mir nämlich ihre letzte Platte "New View" 2016 bei meinem ersten und bisher einzigen New York Aufenthalt gekauft, und obwohl ich einen ganzen Sack voll Vinyl erbeutete, ist für mich diese großartige Reise auf immer mit Friedbergers drittem Soloalbum verbunden. Denke ich an N. Y. denke ich an Eleanor - falls ich mal ein Buch schreibe, wäre das ein schöner Titel.

Jetzt erschien mit "Rebound" das vierte Album der in Oak Park in Illinois geborenen Künstlerin, die vor ihrer Solokarriere bereits mit ihrem Bruder mehr als 10 Jahre in der Band The Fiery Furnaces musizierte und wahrscheinlich die einzige Frau ist, die bei zwei Musikern so großen Eindruck hinterließ, dass sie ihr jeweils einen Song widmeten. Der weniger bekannte dürfte "Anything You Want" von Britt Daniel von Spoon und der bekanntere "Eleanor put yout Boots on" von Alex Kapranos Frontmann von Franz Ferdinand sein. Witzig, dass Eleanore auf ihrem neuen Album nun einen Song hat, der doch tatsächlich "Make Me A Song" heißt ;-).



Orientierte sich Album Nummer Drei "New View" am poppigen Folk des ersten Albums ("Last Summer", 2011), so orientiert sich "Rebound" wieder eher am intelligenten Pop, wie ihn Friedberger 2013 auf ihrem zweiten Album "Personal Record" zum Besten gab - ist aber doch ganz anders.

"Rebound" handelt von Erlebnissen und Erkenntnissen in Griechenland, wo sich Friedberger nach einer Tournee und dem unfassbaren Ergebnis in der US-Wahl 2016 hin begab, um Abstand zu gewinnen und neue Kräfte zu sammeln. Man empfahl ihr zum Tanzen einen Club namens Rebound, wo man lustvoll der Gothic-Disco der 80er frönte und wo ein DJ-Set niemals ohne Joy Division oder The Cure auskommen konnte - laut Friedberger ein Club mit spärlicher Beleuchtung und kein sehr freundlicher Ort.



Da das neue Album nun trotzdem den Namen des Clubs trägt, liegt folgerichtig die Vermutung nahe, dass dieser Retrosound Friedberger Songwriting beeinflusst haben könnte. Und tatsächlich lassen sich derartige Referenzen aus den Songs heraushören. Allerdings nur unterschwellig, denn Eleanor gelingt es, dass "Rebound" zwar den 80er Jahre GothicPop rezitiert, aber doch leichtfüßig daherkommt und musikalisch nicht sooo weit von ihren bisherigen Alben entfernt liegt.



Was wiederum umso erstaunlicher ist, weil Friedberger im Vergleich zu den vorherigen Alben einige Dinge anders angegangen ist. So spielte sie die Demos im Alleingang ein und holte sich erst in einem sehr späten Stadium des Albums Feedback von Freunden und Musikern, außerdem schrieb sie, entgegengesetzt zu ihrer bisherigen Arbeitsweise, erst die Melodien und kümmerte sich dann um die Texte. Normalerweise schreibt Eleanor, wie sie in einem Interview verlauten lies, Texte um sich oder die Zuhörer zu amüsieren, nach dem vermaledeiten Herbst 2016 hatte sie aber das Bedürfnis Texte zu schreiben, die für den einzelnen Zuhörer ganz explizit etwas bedeuten könnten.

Und dann erwarb sie im Dezember 2016 ein Casio-Keyboard, was ihr eigentliches Vorhaben, ein rockigeres Album zu machen, ad acta legte, denn das Keyboard wurde zum prägenden Instrument auf "Rebound".

Fazit: ein etwas anderes Friedberger-Album, aber doch ein typisches Friedberger-Album, bei dem sich die heimlichen Hits gaaaanz langsam herausschälen.

Tracklist:
01 My Jesus Phase
02 The Letter
03 Everything
04 In Between Stars
05 Make Me A Song
06 Nice To Be Nowhere
07 It's Hard
08 Are We Good
09 Showy Early Spring
10 Rule Of Action

Montag, 9. Juli 2018

QUICK & DIRTY: BODEGA / Endless Scroll

Published: 06.07.2018
Label: What'S Your Rupture (Rough Trade)
Genre: IndieRock, AlternativeRock, NewWave, ArtRock, PostPunk
Country: New York, U.S.A.



Members:
Ben Hozie, Nikki Belfiglio, Montana Simone, Heather Elle, Madison Velding-VanDam

"How Did This Happen?!" heißt der erste Song mit dem die New Yorker Band BODEGA ihr Debütalbum "Endless Scroll" beginnt, auf welchem sie anschließend versucht, auf insgesamt 14 Songs, die aktuelle Sozial-, Kultur-, Gesellschafts- und Politiklage in einem PostPunk-Entwurf zu erläutern.

Das klingt mal nach den Parquet Courts, wie beim frechen Liebeslied "Jack in Titanic", welches selbstredend auf den Hollywoodschinken anspielt oder aber nach den englischen Schimpfspechten Sleaford Mods ("Name Escape") oder gar nach Thurston Moore, ("Boxes For The Move").



Bei diesen Referenzen lässt es sich schon erahnen, dass dem Quintett mit "Endless Scroll" ein ziemlich großer Wurf geglückt ist. Wer daran womöglich auch keinen geringen Anteil trägt, ist Austin Brown von den Parquet Courts, der das Album eigentlich exakt so produzierte, wie das PQ-Durchbruchsalbum "Light Up Gold" aus dem Jahr 2012 klingt. Das Witzige daran ist, dass die Parquet Courts sich ja mit ihrem von Danger Mouse produzierten aktuellen Album "Wide Awake" ein gutes Stück von dieser "rohen" Produktionsweise entfernt haben.



Für Bodega ist dieser Rohschliff aber aktuell genau der richtige, da die rebellischen, meist vom Bass getriebenen, gerne auch zynischen Songs genauso klingen als sähe man die Band gerade live in einem kleinen dunklen Club, wo die Energie und Kraft der Band gerade auf das Publikum überspringt. Ich gestehe in einem Club mit gutem Tontechniker an den Reglern ;-).



Neben der Produktion und dem Songwriting besticht außerdem die ausgesprochene Vielseitigkeit, welche die Band an den Tage legt. Das beginnt damit, dass sich Ben Hozie und Nikki Belfiglio als Sänger am Mikro abwechseln und mit ihren so unterschiedlich markanten Stimmen dafür sorgen, dass neben Gang of Four (besonders bei "I Am Not A Cinephile") auch The Slits (besonders bei "Margot") ans Hinterstübchen klopfen, wenn man dem Album lauscht.

Außerdem sind die Songs, wie es sich in der Tradition des Punk gehört, fast immer knackig kurz, das brillante "I Am Not a Cinephile" bleibt sogar unter einer Minute und über die stilistische Bandbreite hatte ich mich ja eingangs bereits geäußert, kann aber den Referenzen guten Gewissens auch noch The B-52's, Wire, Le Tigre und Devo hinzufügen. Das Bühnenoutfit orientiert sich allerdings eher an Arcade Fire ;-). Jetzt ist es aber gut!

Na gut, noch meine Favoriten: "How Did This Happen?!" + "I Am Not a Cinephile" +"Gyrate" + "Jack In Titanic" + "Charlie". Jetzt ist aber wirklich gut!!



Tracklist:
01 How Did This Happen?!
02 Bodega Birth
03 Name Escape
04 Boxes For The Move
05 I Am Not a Cinephile
06 Can't Knock The Hustle
07 Gyrate
08 Jack In Titanic
09 Margot
10 Bookmarks
11 Warhol
12 Charlie
13 Williamsburg Bridge
14 Truth Is Not Punishment

Mittwoch, 4. Juli 2018

QUICK & DIRTY: KHRUANGBIN / Con Todo El Mundo

Published: 26.01.2018
Label: Night Time Stories
Genre: Alternative Beats, Oriental Surf Sound, Erotic Surf, WorldMusic, TripHop
Country: Houston, Texas/ U.S.A.



Members:
Laura Lee (Bass), Mark Speer (Gitarre), Donald Johnson (Schlagzeug)

War ich 2015 in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Fleckchen Erde bei den Pygmäen zu besuch? Ein ganzes Jahr?? Oder warum zur Hölle ist mir das Debütalbum "The Universe Smiles Upon You" von KHRUANGBIN durch die Lappen gegangen? Ja, Weltmusik ist eigentlich nicht so mein Ding, aber das, was das Trio aus Houston mit Schlagzeug, Bass und Gitarre austüftelt ist auch nur am Rande als solche zu bezeichnen.

Wenn nicht Weltmusik, was dann? Der Sound speist sich zwar aus orientalischen und fernöstlichen Einflüssen, aber auch aus Psychedelic, SurfRock, Funk, Soul und Disco. Was dabei herauskommt, klingt erstens, als wäre es in einer Zeitlupenschleife gefangen und zweitens, eben nicht nur exotisch, sondern sehr erotisch. Würde es heute noch Softsexfilmchen wie "Bilitis" geben, dann würde ich Khruangbin sofort für den Soundtrack eines solchen Filmchens nominieren.



Aber neben aller Erotik lässt es sich zu "Con Todo El Mundo", was so viel bedeutet, wie "Mit der ganzen Welt" auch wunderbar relaxen. Der Groove ist immer sehr "Laid back" - außer vielleicht bei der Disco-Funk-Nummer "Evan Finds the Third Room "- und der Flow des Albums unendlich sanft und von einer Trägheit geprägt, die mich gerne auch an "Sex in der Wüste" von Ideal erinnert. "Jeder denkt das Eine, doch dafür ist's zu heiß!"



Ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Flow dieses Albums ausmacht, dass die Band auf Vocals so gut wie ganz verzichtet. Wenn es zu Gesangseinlagen kommt, dann dienen diese, wie beispielsweise bei "Como Te Quiero" eher der Lautmalerei, als das "wichtige" Lyrics verbreitet werden sollen.



Alles was ich bisher geschrieben habe hört sich nun eigentlich so an, als wäre "Con Todo El Mundo", die ideale Fahrstuhlmusik - also unaufdringlich und unauffällig - aber das Erstaunliche ist, dass sie gerade das nicht ist. Trotz aller Zurückgenommenheit und trotz des Verzichtes auf Effekthascherei wird man unweigerlich aufmerksam auf den Sound von Khruangbin. Legen Sie die Platte doch einfach mal auf, wenn Sie Gäste haben und Sie werden sich wundern, dass Menschen, die sonst nie auf die Musik die da im Hintergrunds läuft aufmerksam werden, Sie fragen, was für eine Musik da gerade läuft ;-).

Damit Sie dann noch ein Bisschen was zu erzählen haben einige Fakten zum Trio:

- Der Bandname Khruangbin ist eine Transliteration des thailändischen Wortes für Flugzeug (= เครื่องบิน)

- Auf dem ersten Album "The Universe Smiles Upon You" ist eine der Hauptinspirationsquellen der Thai-Funk der Sixties, während auf dem aktuellen Album besonders persische Musik ("Maria También") den Sound prägt.

- Das Trio besteht aus Mark Speer an der Gitarre, Laura Lee, zuständig für die wunderbaren Bassläufe und Donald Johnson am Schlagzeug.

- Den Durchbruch schaffte die Band 2014 als Support für Bonobo, der Khruangbin dann auch auf seiner Songzusammenstellung für die beliebte "Late Night Tales"-Compilation-Reihe präsentierte und deren Bekanntheitsgrad so weiter steigerte.

Guten Flug!



Tracklist:
01 Como Me Quieres
02 Lady and Man
03 Maria También
04 August 10
05 Como Te Quiero
06 Shades of Man
07 Evan Finds the Third Room
08 A Hymn
09 Rules
10 Friday Morning

Freitag, 29. Juni 2018

QUICK & DIRTY: MELODY'S ECHO CHAMBER / Bon Voyage

Published: 15.06.2018
Label: Fat Possum Records
Genre: Psychedelic, AlternativeRock, IndiePop, DreamPop
Country: Paris, France



Members:
Melody Prochet

Tame Impala Fans, welche die Psychedeliker schon mal live gesehen haben, dürften auch schon mit MELODY'S ECHO CHAMBER Bekanntschaft gemacht haben, den Melody Prochet, der Kopf der französischen Band war lange Zeit die Freundin von Kevin Parker und deswegen gerne als Support mit den Australiern unterwegs.

Ich hatte das Vergnügen die Französin 2013 bei eben einem solchen Tame Impala-Konzert im Kölner Club Gloria erleben zu dürfen und - man kann es nachlesen - ich war schon ziemlich hingerissen vom Auftritt, bemängelte aber das relativ einfallslose Songwriting.

"Einfallslos" ist nun ein Adjektiv, mit dem man das neue Album "Bon Voyage" ganz sicher nicht umschreiben kann, denn nach 6 Jahren Wartezeit, wartet Melody mit Album Nummer 2 mit einem Longplayer auf, der so facettenreich ist, dass er sich am ehesten wie eine (be)rauschende Achterbahnfahrt durch Melodys Wunderland beschreiben lässt.



Der Trip - "Bon Voyage!" - startet mit "Cross My Heart", ein Song der anfangs noch dazu verführt zu sagen, "das klingt aber schon nach Tame Impala ...", der dann aber so viele stilistische Richtungswechsel, Tempoänderungen und Sprachwechsel in exakt 6:65 Minuten absolviert, dass einem ganz schwindelig wird. Uiuiui, das will wohl jemand gaaaaanz hoch hinaus. Geht das so weiter????

"Let it happen!" Es geht so weter, tief durchatmen! "Breathe In, Breathe Out" ist deutlich kürzer, aber keinen Deut weniger verrückt. Was ist nur mit der Französin passiert??? Bei "Desert House" wird es funky und orientalisch als würden Altin Gün auf King Gizzard treffen und eine Partynummer abfeuern! Hat sie Herr Parker in all den Jahren so gebremst oder hat es einen Parker gebraucht um das psychedelische Potenzial von Melody Prochet freizulegen? Fragen Sie doch ihren Drogenlieferanten!!



Und was bitte ist "Var Har Du Vart"??? Sing die Madame jetzt auch noch auf Schwedisch??? Ahh, der Song stammt aus der Feder von Gustav Ejstes von der schwedischen PsychedelicRock-Band Dungen. Neuer Lover ;-)?

Dann kommt wieder ein sehr langes Stück auf Französisch. Es trägt den poetischen Titel "Quand Les Larmes D’un Ange Font Danser La Neige". Wenn mein Google-Übersetzer keinen Mist gebaut hat bedeutet es soviel wie "Wenn die Tränen eines Engels tanzen entsteht Schnee". Und von wem ist diese Poesie? Laut Notes im Platten-Inlay tatsächlich von Nick! Ja, Herr Allbrook, auch als Mister Pond bekannt! Neuer Partner? Fragen Sie doch bei Parship!

Und was ist jetzt DIE Schlüsselnummer auf "Bon Voyage"? Was ist Melody's "Let it happen"? "Cross My Heart" oder "Quand Les Larmes D’un Ange Font Danser La Neige"? Was erlauben Melody Prochet?!!!?



Die letzten beiden Stücke "Visions of Someone Special, On A Wall of Reflections" und "Shrim" sind nicht von dieser Güteklasse, zumindest "Visions of Someone Special, On A Wall of Reflections" nicht, denn je öfter man die Prince trifft auf Psychedelic-Nummer "Shrim" hört desto ... einigen wir uns einfach drauf, dass MELODY'S ECHO CHAMBER mit Album Nummer Zwei tatsächlich ein waschechtes Meisterwerk geglückt ist! Félicitations!

Tracklist:
01 Cross My Heart
02 Breathe In, Breathe Out
03 Desert House
04 Var Har Du Vart
05 Quand Les Larmes D’un Ange Font Danser La Neige
06 Visions of Someone Special, On A Wall of Reflections
07 Shrim

Samstag, 23. Juni 2018

QUICK & DIRTY: FATHER JOHN MISTY / God’s Favorite Customer

Published: 01.06.2018
Label: Sub Pop
Genre: Singer/Songwriter, Crooner, Entertainer
Country: Maryland, U.S.A.



Members:
Joshua Michael Tillman

Tillmans viertes Album als FATHER JOHN MISTY. Langsam wird es langweilig, weil schon wieder umwerfend gut - aber was soll man auch von einem Typen erwarten, der im Mai 1981 in einer 70.000-Seelen-Gemeinde namens ROCKville geboren wird. Soll man da Bäcker oder Metzger werden???

Ganz so wütend, bissig und zynisch wie auf dem letzten Album "Pure Comedy" ist Herr Tillman nicht mehr, aber natürlich noch höchst melodramatisch, wortgewandt und dieses Mal sehr liebeskrank. Von der Komödie zur Tragödie!

"God's Favorite Customer" entstand zwischen Sommer 2016 und Winter 2017, als sich Father John Misty in einer Phase befand, in der sich Herzschmerz und die Freude über die wiedergewonnene Freiheit nach dem Aus seiner Ehe in seinem Inneren einen Zweikampf lieferten.



Es ist Tillmans bisher persönlichstes Album, denn wie schon die Songtitel verraten, gönnt er seinen Zuhörer einen Einblick in seine sensible melancholische Künstlerseele. Und erstmals wird mir klar - beim Song "Mr. Tillman" - wie artverwandt Herr Tillman und Herr Mark Oliver Everett , seines Zeichens als Eels im Rockzirkus unterwegs, sind!

Während sich der private Herr Tillman in erster Linie textlich, an Herrn Everett annähert, nähert sich die Kunstfigur Father John Misty in musikalischer Hinsicht an einen großen Singer/Songwriter der 70er an, der in den 80ern (leider) seinen Ruf mit seichten Pop ruiniert hat: Richtig, ich spreche von Sir Elton John.



Wie nah sich Father John Misty an Elton John schmiegt, wird deutlich, wenn man "God’s Favorite Customer" und  Elton Johns beste Platte "Captain Fantastic & the Brown Dirt Cowboy" (1975) nacheinander auf den Plattenteller legt. Beide Alben sind ohne das Piano nicht vorstellbar, beide sind von einer ergreifenden, aber nicht erdrückenden Traurigkeit durchtränkt und beide kreisen schicksalhaft um die Themen Liebe & Tod und das eigene Ego.

Für alle Verlierer dieser Welt - das sind doch Gottes Lieblingskunden - gibt es das unter Mithilfe der prominenten Gäste Jonathan Rado (Foxygen), Jonathan Wilson und Mark Ronson entstanden Werk in einer limitierten violett marmorierten Vinylauflage mit haptisch tastbaren Tränen auf dem Cover. Schnief ... Wir sind nur Menschen (und es gibt nicht viel, was man dagegen tun kann).

Tracklist:
01 Hangout at the Gallows
02 Mr. Tillman
03 Just Dumb Enough to Try
04 Date Night
05 Please Don't Die
06 The Palace
07 Disappointing Diamonds Are the Rarest of Them All
08 God's Favorite Customer
09 The Songwriter
10 We're Only People (And There's Not Much Anyone Can Do About That)

Sonntag, 17. Juni 2018

QUICK & DIRTY: STEPHEN MALKMUS And The Jicks / Sparkle Hard

Published: 18.05.2018
Label: Domino Recording
Genre: AlternativeRock, IndieRock
Country: Portland, U.S.A.



Members:
Stephen Malkmus, Joanna Bolme, Mike Clrak, Jake Morris

Das Artwork des Jahres geht für mich in 2018 schon jetzt an STEPHEN MALKMUS And The Jicks. Das Urlaubsfoto, der Name des Bootes und der Albumtitel "Sparkle Hard" passen wie die Faust aufs Auge und sind in ihrer Gesamtheit so zeitlos, wie die Rockmusik dieser völlig unterbewerteten Band die mittlerweile in Hippstertown Portland ansässig ist.

Dass Frontmann Malkmus, bevor er mit eigenem Namen und den Jicks an den Start ging, mit Pavement den IndieRock der 90er prägte, sollte mittlerweile bekannt sein. Mit Pavement kam Malkmus auf 5 Alben, mit den Jicks veröffentlicht er nun schon sein 7tes Album. 

Nach dem etwas schwächerem, aber nicht schlechtem Album "Mirror Traffic" (2011) konnte mich die Band mit dem 2014er Werk "Wig Out at Jagbags" wieder restlos überzeugen und zu meiner großen Freude hält "Sparkle Hard" das dort erreichte Niveau spielend.



"Sparkle Hard" funkelt zeitlos! Normalerweise mag ich es nicht, wenn auf Schallplatten das Jahr der Veröffentlichung nicht preisgegeben wird, bei "Sparkle Hard" hätte ich es mir gewünscht, denn selbst das Jahrzehnt spielt hier keine Rolle. Wer nach irgendwelchen Modernismen sucht, kann suchen bis er schwarz wird. Wer nach ungezügelter Spiellust, ausufernden Solo-Parts und schier grenzenloser Virtuosität fahndet, der braucht allerdings nicht lange suchen, den das Albumin steckt voll davon.

Die Freaks von der Spex vergleichen "Sparkle Hard" mit "Ege Bamyasi" dem Meisterwerk von Can aus dem Jahr 1972, der Rolling Stone attestiert "Spleenige Gitarrenmusik mit Anleihen bei Kraut- und Classic Rock", die Intro entdeckt "cheesy Synthies und satte Streichern", sowie "einen mit Auto-Tune garnierter Space-Rocker". Ich würde es einfach als ein verdammt cooles und fettes Werk bezeichnen, das sehr abwechslungsreich ist, trotzdem aus einem Guss und eine Menge Spaß bereitet, weil man ständig irgendetwas neues Abgefahrenes entdeckt und lieben lernt.

Das volle Programm in 6:41 Minuten erwartet den Hörer beim Übersong "Kite". Es beginnt mit der akustischen Gitarre und dem typisch fluffigen Gesang, dann kommt plötzlich ein psychedelisches Intermezzo mit dem Mellotron und der Song beginnt zu grooven, ehe er in einem furiosen KrautRock-Jam endet. Ein ähnliches Groovemonster mit hoher Wandlungsfähigkeit ist "Bike Lane"

Der Albumopener "Cast Off" ist ein ähnliches Kaliber, anfangs und immer wieder tarnt sich der Songer als Piano-Ballade, die dann aber von aberwitzigen hochdramatischen Gitarrensoli aufgebrochen wird.

"Solid Solk" ist der entspannteste Song und die Nummer zu der man zu Streicherklängen am liebsten (mit nacktem Oberkörper ;-)) über die sieben Weltmeere segeln möchte. Ja, Stephen kann locker auch den Kurt Vile geben!



Erstaunlicherweise wurde ausgerechnet das harmloseste, um nicht zu sagen langweiligste Stück, "Middle America", als Teaser für "Sparkle Hard" auserkoren. Warum? Fluffige Sommernummer, aber warum nicht etwas mehr zeigen, wenn man so viel zu bieten hat?

Da gibt es zum Beispiel das klaustrophobisch anmutende "Rattler", das klingt, als wäre es ein MashUp aus dem Soundtrack eines John Carpenter-Film aus den 80ern und einer Passport-Nummer. Oder das nach Garage müffelnde und lärmende "Shiggy", das Sixties-Flair verströmende "Brethren", das countryeske "Refute" oder das symphonische "Difficulties/Let Them Eat Vowels", welches nach dreieinhalb Minuten so wunderbar an den Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt-Soundtrack von Ingfried Hoffmann erinnert, ehe es in Richtung SpaceRock abdriftet. Ach, "Middle America" ist wahrlich der letzte Song, den ich als Appetizer für dieses wunderbare Album ausgesucht hätte ...



Tracklist:
01 Cast Off
02 Future suite
03 Solid Solk
04 Bike Lane
05 Middle America
06 Rattler
07 Shiggy
08 Kite
09 Brethren
10 Refute
11 Difficulties/Let Them Eat Vowels

Donnerstag, 14. Juni 2018

QUICK & DIRTY: SNAIL MAIL / Lush

Published: 08.06.2018
Label: Matador/Beggars Group (Indigo)
Genre: IndieRock, DreamPop
Country: Baltimore / Maryland; U.S.A.



Members:
Lindsay Jordan

Eigentlich ist der normale Teenager doch eher verschlossen und wenig mitteilsam. So war es bei mir selbst in diesem Alter und auch bei meinen Töchtern habe ich es nicht anders erlebt. LINDSAY JORDAN ist 18 Jahre, hat aber ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis und legt deswegen auf ihrem Debütalbum "Lush" unter dem Namen SNAIL MAIL ihr Gefühlsleben der ganzen Welt zu Füßen.

Zu verdanken haben wir es der Washingtoner Band Priests, die das DIY-Projekt Snail Mail der Teenagerin in seiner Großartigkeit erkannte und unter die Fittiche nahm, sodass Lindsay nicht weiter nur rund um Baltimore gehört, sondern bereits mit ihrer ersten Single "Pristine" weltweit auf sich aufmerksam machte.

Bei großen Fußballstars - wahrscheinlich ist es bei Eishockeystar ja ähnlich - ist es ja immer der unbekannte Jugendtrainer, der den Star im Teenager erkennt und ihn zur Karriere verhilft, bei Lindsay ist die Sachlage etwas verkehrt, den niemand Geringeres als Mary Timony war die Gitarrenlehrerin der kleinen Linsay! Nur so erklärt sich doch wohl, dass eine 18-Jährige eine Gitarre so virtuos und kreativ bearbeitet, wie beim Uptempo-Song "Heat Wave". Aber ob Timony wirklich eine ausschlaggebende Größe für die musikalische Entwicklung der jungen Amerikanerin war ist natürlich reine Mutmaßung - plausibel klingt es aber schon ;-)



Aber Lindsay ist nicht nur eine gute Gitarristin, sie ist sogar eine noch bessere Songwriterin, denn unter den 10 Songs ihres Debütalbums versteckt sich keine einzige Nullnummer.

Über die Qualitäten der beiden Lead-Singles "Pristine" und "Heat Wave" lässt sich überhaupt nicht streiten und je öfter man sich in die anderen acht Stücke reinhört, desto deutlicher treten deren nicht ganz so offen liegende Qualitäten in den Vordergrund. So breitet "Speaking Terms" immer weiter seine DreamPop-Flügel aus uns segelt in Mazzy Star-Gefilde und das verschleppte Schlagzeug bei "Stick" verleidet unweigerlich dazu mit den Händen mitzutrommeln und wie großartig ist eigentlich der magische Bläser-Part in "Deep Sea".



"Verschleppt" ist übrigens ein Schlüsselwort, wenn man "Lush" in Worte fassen will, den Lindsays IndieRock geht nur selten ungestüm nach vorne, sondern bleibt im Gegensatz zu den sehr offensiven Texten immer etwas in der Defensive - selbst wenn es in einigen Songs gegen Ende etwas krawalliger wird - zum Beispiel bei "Golden Dream" oder beim hymnischen "Full Control".

Die letzten beiden Stücke des Albums, "Deep Sea" und "Anytime" sind Balladen für Menschen, mit denen die Emotionen schon mal gerne durchgehen. "Schlichte Schönheit" ist auch noch so ein Begriff der zwingend fallen muss, wenn man dieses reife Debüt einer 18-Jährigen beschreiben möchte. Chapeau Mrs. Jordan!



Tracklist:
01 Intro
02 Pristine
03 Speaking Terms
04 Heat Wave
05 Stick
06 Let’s Find an Out
07 Golden Dream
08 Full Control
09 Deep Sea
10 Anytime

Sonntag, 10. Juni 2018

QUICK & DIRTY: COURTNEY BARNETT / Tell Me How You Really Feel

Published: 17.05.2018
Label: Marathon Artists
Genre: AlternativeRock
Country: Sydney, Australia



Members:
Courtney Barnett

Die Slacker-Queen von Downunder meldet sich mit ihrem Nachfolger für das Meisterwerk "Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit" (2015) zurück. 

Courtney will wissen, wie es uns wirklich geht und sie will etwas Zeit mit uns verbringen. Danke ganz gut, und ja gerne, der Dreher freut sich immer wenn feine Kost unter der Nadel liegt.



Courtney geht auf "Tell Me How You Really Feel" nicht ganz so ungestüm zur Sache wie beim Vorgängerwerk, könnte also auch sein, dass es sich noch um Nachwehen von der Zusammenarbeit mit Kurt Vile ("Lotta Sea Lice" ; 2017) handelt - ganz besonders bei "Walkin’ on Eggshells."

Courtney begrüßt auf "Tell Me How You Really Feel" die beiden Deal-Schwestern Kim (Backing Vocals bei Song 5 und 7) und Kelly (Backing Vocals  bei Song No. 7) als Gastmusikerinnen. Bassläufe sind aber nicht fetter als vorher ...

Courtney schüttelt mit gewohnter Lässigkeit smashige Rocksongs aus dem Ärmel, als wäre es das einfachste der Welt, solche Songs zu schreiben - dass es nicht so ist, wird in einigen Texten thematisiert. Überhaupt präsentiert Courtney - ganz dem Albumtitel entsprechend - auf ""Tell Me How You Really Feel"" viele ihrer persönlichen Sorgen und Ängste, was die melancholischere Stimmung zum Vorgängeralbum erklärt - der Hang zum feinen Zynismus ist geblieben.



Courtney wird auf dem Album von ihrer Rhythmusgruppe Bones Sloane, Dave Mudie erneut am Schlagzeug und Dan Luscombe von The Drones an der Gitarre unterstützt. Wie gewohnt wechselt Courtney in unnachahmlicher Weise zwischen lauten und leisen Passagen.

Vom Songwriting erinnert Courtney immer mehr an die Schreibfeder von Kurt. Wenn Kurt Cobain noch am Leben wäre und Jen Cloher nicht an der Seite von Courtney, wäre Kurt mit dieser Courtney vielleicht besser bedient gewesen als mit der anderen -  so als "Schreibschwestern" im Geiste.



Und was sind die Hits auf "Tell Me How You Really Feel"? Die Fachpresse feiert "Crippling Self Doubt and a General Lack of Self-Confidence" und "Charity", meine Favoriten sind "Need a Little Time" weil es so unglaublich schön schwelgerisch mit Melodie und Gitarrenklängen umgeht, das noisige "Help Your Self" und ja auch "Crippling Self Doubt and a General Lack of Self-Confidence" - dürfte ja auch einer der besten Songtitel des Jahres sein.

Beim Rausschmeißersong des Album "Sunday Roast" zeigt sich Courtney versöhnlich: "I Know You're Doin Your Best" - dito Courtney dito! You didn't lose your passion!



Tracklist:
01 Hopefulessness
02 City Looks Pretty
03 Charity
04 Need a Little Time
05 Nameless, Faceless
06 I’m Not Your Mother, I’m Not Your Bitch
07 Crippling Self Doubt and a General Lack of Self-Confidence
08 Help Your Self
09 Walkin’ on Eggshells
10 Sunday Roast

Montag, 4. Juni 2018

QUICK & DIRTY: CONFIDENCE MAN / Confident Music for Confident People

Published: 13.04.2018
Label: Pias Coop/Heavenly (Rough Trade)
Genre: ElectroPop, DancePop, Dancefloor
Country: Brisbane, Australien



Members:
Janet Planet, Sugar Bones, Clarence McGuffie und Reggie Goodchild

Mich hat hirnmäßig noch keine altersspezifische Krankheit erwischt, aber ich kann mich trotzdem nicht erinnern, wann mich zuletzt eine Platte, die hauptsächlich für den Dancefloor konzipiert ist, interessiert hat. Ach doch! Die Basement Jaxx mit ihrem Debüt "Remedy" 1999!

In eine ähnliche Richtung geht es auch bei CONFIDENCE MAN und als weitere Referenz fällt mir noch das Duo The Ting Tings ein, dass 2008 mit "That's not My Name" einen Welthit landete. Menschen, die schon getanzt haben, als es noch keine YouTube-Stars, Blogger und Influencer gab, werden sich auch an Primal Screams "Screamadelica" (1991) oder Deee-Lite (1990) erinnert fühlen.



Dass man von Confidence Man also kein tiefgründiges Konzeptalbum erwarten sollte, dürfte nun eigentlich klar sein, ich kann es aber auch noch mal ganz explizit formulieren: This-is-funny-Dance-Shit-for-the-next-Party! Nicht mehr und nicht weniger.

11 Stücke befinden sich auf dem Album der Australier und wer nicht tanzen kann oder zumindest gerne mit dem Tanzbein zum Beat zuckt, der kann jetzt an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören und vergessen, dass es eine Band namens Confidence Man gibt, allen anderen erhalten jetzt einige Informationen über die Band, die zu Beginn ihrer Karriere verschleiert auftrat, weil die männlichen Bandmitglieder auch in anderen Bands spielten und nicht mit dem "Nebenprojekt" Confidence Man in Verbindung gebracht werden sollten.



Bevor aus dem Nebenprojekt eine Band wurde, waren nämlich alle Bandmitglieder im IndieRock-Sektor unterwegs und hatten mit Tanzmusik im klassischen Sinne wenig am Hut - eine Gitarrenband die Tanzmusik macht konnte man sich dann aber schon vorstellen.



Nachdem die Vier als Confidence Man einige rasante Liveshows bestritten hatten, ließ sich nicht länger leugnen, dass das Nebenprojekt den jeweiligen Bandprojekten den Rang abgelaufen hatte, weswegen man sich fortan auf Confidence Man konzentrierte. Es wurden pfiffige Clips passend zu den Songs mit den frechen Texten erstellt und die Fangemeinde wuchs in kürzester Zeit rapide an.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Quartett mit dem bisherigen Konzept sich zu betrinken und Unsinn zu verzapfen kein zweites Album mit irgendeiner Relevanz hinbekommt, wenn man allerdings in Richtung "Out The Windows" geht und wieder eine so fluffige Bassline, wie bei "Boyfriend" ausgräbt, dann könnte doch mehr aus den Ein-Album-Wonder werden.



Tracklist:
01 Try Your Luck
02 Don't You Know I'm In a Band
03 Boyfriend
04 C.O.O.L Party
05 Out The Window
06 Catch My Breath
07 Bubblegum
08 Better Sit Down Boy
09 Sail Boat Vacation
10 All The Way
11 Fascination

Freitag, 25. Mai 2018

QUICK & DIRTY: GOAT GIRL / Goat Girl

Published: 06.04.2018
Label: Rough Trade Records
Genre: AlternativeRock
Country: London, Great Britain



Members:
Clottie Cream, Rosy Bones, Naima Jelly and L.E.D.

War die letzten beiden Jahre noch der australische Kontinent in Sachen heiße Scheiße im Indie-Sektor das Nonplusultra, so scheint es für 2018 der Londoner-Süden zu werden, den nach Shame mit ihrem sensationellen Debütalbum (Review) kommt nun auch eine Girlband namens GOAT GIRL aus dieser Ecke und deren Debütalbum kann sich ebenfalls hören lassen!

Die vier Damen, die unter Kampfnamen - wie es sich für Erbinnen der Riot Grrrls gehört - in den Ring steigen vermischen auf ihrem 19 Songs starken Album "Goat Girl" düsteren PostPunk mit GarageRock- Noise- und Countryelementen!

Prinzipiell fallen dem gebildeten Indie-Freak beim Durchhören des Werkes gefühlte 1000 Referenzen aus dem Indie-Genre ein, aber die Damen selbst beziehen sich in Interviews erstaunlicherweise unisono auf The Slits und The Gun Club und ja, auch deren Einflüsse lassen sich auf dem Album heraushören.



Besonders auffällig finde ich allerdings die stimmliche Ähnlichkeit von Sängerin Lotte mit Liz Phair [ was macht die Gute eigentlich mittlerweile??? Mal auf ihrer Homepage nachschauen :-( ] und den omnipräsent gefährlich brummenden Bass, der mich natürlich sehr an Kim Deal denken lässt.

Die Karriere des 2016 gegründeten Quartettes kam so richtig ins Rollen mit der großartigen Single "Country Sleaze", die natürlich nun auch auf dem Debütalbum zu finden ist und dem dazugehörigen Clip, den man besser nicht anschaut, wenn man zu epileptischen Anfällen neigt.



Dass es in vielen Songs um feministische Themen geht, hatte ich ja schon mit dem Vermerk auf die Riot Grrrls geliefert, aber auch mit expliziten Statements zu Politik und Soziologie halten sich die vier Kämpferinnen nicht zurück, denn wie heißt es so schön in "Country Sleaze": "I am ashamed of this so-called human race"!



Echt schwierig wird es, wenn man Songs aus dem Album hervorheben will, aber einfach kann jeder, deswegen hier die Aufzählung meiner Favoriten - allerdings ohne Haltbarkeitsdatum und Ewigkeitsgültigkeitszertifikat und ohne Wertung in der Reihenfolge:"Country Sleaze", "Cracker Dool", "Creep", "Viper Fish", "Little Liar" und selbstverständlich "The Man".

NATÜRLICH wandert letztgenannter Song beim nächsten Update in die Indie-Disco-Playlist!

P. S. Ich glaube, ich bin ein bisschen verliebt in die Ziegenmädchen, wäre also schön, wenn das Konzert am 21. September in Berlin nicht das einzige Gastspiel in good old fucking Germany wäre. Come on grrrrls! Cologne is waiting!



Tracklist:
01 Salty Sounds
02 Burn the Stake
03 Creep
04 Viper Fish
05 A Swamp Dog's Tale
06 Cracker Drool
07 Slowly Reclines
08 The Man with No Heart or Brain
09 Moonlit Monkey
10 The Man
11 Lay Down
12 I Don't Care Part 1
13 Hank's Theme
14 I Don't Care Part 2
15 Throw Me a Bone
16 Dance of Dirty Leftovers
17 Little Liar
18 Country Sleaze
19 Tomorrow

Dienstag, 22. Mai 2018

QUICK & DIRTY: PARQUET COURTS / Wide Awake!

Published: 18.05.2018
Label: Rough Trade Records
Genre: AlternativeRock, IndieRock, PunkRock
Country: New York, U.S.A.



Members:
Andrew Savage, Austin Brown, Sean Yeaton, Max Savage

Es gibt einige Bands, bei denen sich mir nie die Frage stellt, ob ich mir das neue Album ungehört vorbestellen soll. Die PARQUET COURTS aus New York gehören seit ihrem zweiten Album "Light Up Gold"(2012) zu diesen Bands.

Die Band hat es seitdem geschafft, mit wenigen Alben einen unverkennbaren Sound zu etablieren, der irgendwo zwischen Talking Heads, The Clash und, The Stooges einzuordnen ist. Beim neuen Album "Wide Awake!" gilt es aber auf die alarmierenden Vorzeichen zu achten, denn niemand Geringerer als Danger Mouse wurde vom Quartett ins Boot geholt, um dem neuen Werk einen speziellen Schliff zu geben- und wer die gefährliche Maus und ihre Produktionen kennt, der weiß, dass Brian Burton immer eine deutliche Handschrift seines Schaffens hinterlässt.



Beim ersten kompletten Albumdurchgang fällt auf, dass das Album sehr abwechslungsreich ist, aber auch, dass die gefährliche Maus es wieder einmal geschafft hat, dass eine eigentlich für den Massengeschmack untaugliche Band sich in Sachen Zugänglichkeit deutlich bewegt hat. Sagen wir es so, noch nie war es einfacher für einen Mainstreamradiohörer, sich auf die Parquet Courts einzulassen.



Dass diese, nennen wir es neue Zugänglichkeit, nicht in Anbiederung mündet, ist die große zu bewerkstelligende Kunst eines von Danger Mouse produzierten Albums. Das gelang zuletzt grandios mit Portugal.The Man, kann aber, wenn die Band über nicht genügend kreatives Potential verfügt, wie im Falle von U2, auch ganz böse in die Hose gehen. Die Parquet Courts verfügen über dieses Potential, weswegen man bei "Wide Awake!" schon gut hinhören muss, damit man das Händchen von Danger Mouse heraushört.

Aber die Produktion ist nur das Sahnehäubchen des Albums, denn das Famose ist die fantastische Mannigfaltigkeit, die das New Yorker Quartett auf ihrem sechsten, je nach Zählweise auch fünftem  Album offeriert.

Das Album beginnt mit dem Clash-Gedächtnisrocker "Total Football", rückt dann bei "Violence" eine vorwitzige Doors-Gedächtnis-Orgel ins Zentrum, zu der Andrew sich wütend auslässt als sei er der dritte Sleaford Mods.

Es gibt hymnischen Pop, der sich an den Melancholie geschwängerten Songs der Seventies orientiert ("Mardi Gras Beads") und direkt darauf wieder Stücke, die in der Indie-Disco für erhöhte Bewegung sorgen ("Almost Had to Start a Fight/In And Out of Patience"). Auf "Freebird II" wiederum sind es die sechziger Jahre, die man sofort assoziiert, vor dem geistigen Augemainfestiert sich Savage moves like Jagger, als dieser noch Hosen trug, die heutzutage wegen sexueller Belästigung nicht mehr tragbar sind.

Tatsächlich tendenziell in experimentelle Richtung geht die funky Nummer "Normalization" und bei "Back to Earth" tänzeln die Parquet Courts - wie die Broken Bells ;-)-  mit federleichtem IndiePop über den See der Melancholie. Der Gipfel ist aber der dem Album den Titel gebende Talking Heads-und-Beastie Boys-Gedächtnissong-in-einem "Wide Awake". Ja, auch diese Nummer gehört in jede Indie-Disco, am besten zwischen "Burning Down the House" und "Root Down".



Als vorletztes Stück gibt es dann eine Kneipen-Mitsing-Ballade ("Death Will Bring Change"), wie sie nur die Pogues noch schöner hinbekommen haben, ehe zum Schluss mit "Tenderness" ausgelassen getanzt werden darf.

Das Fazit dieser beeindruckenden Platte: Auch wenn am Ende alles nur sinnlos ist, es darf getanzt werden!

Tracklist:
01 Total Football
02 Violence
03 Before the Water Gets Too High
04 Mardi Gras Beads
05 Almost Had to Start a Fight/In And Out of Patience
06 Freebird II
07 Normalization
08 Back to Earth
09 Wide Awake
10 NYC Observation
11 Extinction
12 Death Will Bring Change
13 Tenderness

Dienstag, 15. Mai 2018

QUICK & DIRTY: ARCTIC MONKEYS / Tranquility Base Hotel + Casino

Published: 10.05.2018
Label: Domino Rec. co.
Genre: IndieRock, LoungeRock
Country: Sheffield, Great Britain



Members:
Alex Turner, Jamie Cook, Matt Helders, Nick O'Malley

Woran erkennt man am besten, wie schnell die Zeit vergeht? Eltern würden sagen am eigenen Nachwuchs und Musikliebhaber kennen sicher das Gefühl, dass man es manchmal nicht glauben kann, wenn wieder eine Mail im Postfach landet, die ankündigt, dass es von einem Lieblingsalbum jetzt eine 10-Jahre- oder gar 25-Jahre-Sonderedition gibt.


Also tapfer bleiben, wenn ich jetzt erwähne, dass das furiose Debütalbum "Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not!", welches die vierköpfige britische IndieRock-Band ARCTIC MONKEYS erst zu Internet- und dann zu Megastars machte, schon 12 Jahre auf dem Buckel hat.

Seitdem hat sich die Band um Mastermind Alex Turner immer wieder erneuert. Jedes der bisher erschienenen fünf Alben baut zwar auf dem Vorgänger auf, sucht aber immer auch neue Wege und verweist auf eine Grundidee, die hinter ihm steht – von Konzeptalben zu sprechen, wäre allerdings zu hoch gegriffen.

Fünf Jahre nach der höchst erfolgreichen Platte "AM" vollzieht die Band nun mit Album Nummer sechs erneut eine Metamorphose, indem sie mit "Tranquility Base Hotel + Casino" ein Album veröffentlichen, das so in etwa auch The National oder Balthazar hätten machen können. "Wo sind die Riffs? Wo der Hit?", sind Fragen, die sich Fans der ersten Stunde stellen werden, oder gar "gehören die Arctic Monkeys nun endgültig zum alten Eisen und haben das Feuer ihrer Anfangstage verloren?"



Arbeiten wir den ganzen Fragenkack einfach schnell ab, damit wir uns einem federleichten neuen Sounds der Monkeys widmen können. So gut wie keine Riffs, kleine Ausnahme die fuzzy Gitarre bei "Golden Trunks". Kein wirklicher Hit für die Indie-Disco, aber die das Album eröffnende Zeile "I just wanted to be one of The Strokes" aus "Star Treatment" ist jawohl der absolute Hit! Das Feuer brennt noch, allerdings wird es nicht mehr dazu benutzt, wild "abzufackeln", sondern es schürt den Kamin an und wärmt ganz soulful Herz.

Tatsächlich ließen schon einige Schreiberlinge die Begriffe "Lounge" und "Cocktail" fallen, um das neue Werk der Arctic Monkeys zu beschreiben, aber die Begriff passen nicht, denn zu sehr verbinde ich mit Lounge- oder Cocktailmusik belanglose Musik, die nicht wehtut und im Hintergrund laufen kann, ohne dass sie irgendjemanden stört. UND NEIN, so ist "Tranquility Base Hotel + Casino" ganz sicher nicht!

Dieses Album ist der Tranquilizer, den du schlucken solltest, damit es dir besser geht! Damit du Musik in Cocktailbars erträgst, damit du verkaufsoffene Sonntage überlebst oder eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 23km/h auf der Autobahn klaglos hinnimmst. Damit du das armselige Geschwätz von schleimigen Politikern erträgst oder die bodenlose Dummheit deutscher Fußballnationalspieler. Damit du Dinge verkraftest, die du nicht ändern kannst. Einfach rezeptfrei einchecken im "Tranquility Base Hotel + Casino"!

Die im Internet geborenen Arctic Monkeys erschaffen ein Album voller Seele (Soul), das dem Hörer hilft, offline zu gehen - ein größeres Geschenk kann man in diesen Zeiten kaum machen. Und ob ihr es glaubt oder nicht, eine ähnliche Wirkung erzielen übrigens auch einige Alben von Soullegende Curtis Mayfield!



Tracklist:
01 Star Treatment
02 One Point Perspective
03 American Sports
04 Tranquility Base Hotel + Casino
05 Golden Trunks
06 Four Out Of Five
07 The World's First Ever Monster Truck Front Flip
08 Science Fiction
09 She Looks Like Fun
10 Batphone
11 The Ultracheese