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Montag, 15. Februar 2016

TY SEGALL / Emotional Mugger

TY SEGALL gehört mit Sicherheit zu den Menschen, die keine fünf Minuten ruhig auf ihrem Arsch sitzen können, denn anders ist es nicht zu erklären, dass der US-amerikanische Musiker und Songwriter in einer Geschwindigkeit Platten herausbringt, gerade so als könne man ein Album einfach zwischen Frühstück und Abendessen aus dem Hut zaubern.


Das Erstaunliche an diesem Musicoholic ist, dass Segall aber nie die Ideen ausgehen, egal ob er Solo oder mit einem seiner zahlreichen Bandprojekte (Fuzz, The Traditional Fools, Epsilons, Party Fowl, Sic Alps, The Perverts, Ty Segall Band) am Start ist. Zwar sind die Produktionen nicht selten etwas schludrig - was beim 60sGarageGlam-Rock-Genre aber sowieso eine eher untergeordnete Rolle spielt - aber es mangelt ihnen nie an Kreativität.

Auch der neueste Streich "Emotional Mugger" des Mannes aus San Francisco sprüht über vor Ideenreichtum und natürlich kommt auch Segalls liebstes Effektgerät, das Death-By-Audio-Fuzz-War-Pedal, wieder zu höchsten Ehren. Als zusätzliches Effektelement hat Seagull nun zusätzlich die Regler am Mischpult entdeckt. Was bei "Candy Sam", dem  Monster-Hit mit dem Stooges-Stomp auf "Emotional Mugger" dazu führt, dass einem ganz schwindelig wird, weil das Fuzzinferno von Box zu Box hüpft und es einem die Gehörgänge verdreht. Very fein!

Im Vergleich zu "Manipulator", Segalls vorherigem Album aus dem Jahr 2014, pfeift der Meister des FuzzRock sich selbst wieder zurück. 2014 klang alles deutlich aufgeräumter, ausgefeilter und besser produziert als vorherige Publikationen. Zum Dank durfte Seagell erstmals einen Einstieg in die US-Album-Charts (Rang 45) verbuchen.

Vielleicht war es aber genau dieser Umstand, der dazu führte, dass er nun wieder zurückgreift auf die altbewährte LoFi-Keule, die Gitarren mit den Fuzz-Pedals verschweißt und mit "Emotional Mugger" einen solch fuzzig-punkigen Radau abliefert, dass es höchst unwahrscheinlich scheint, dass sich Ty 2016 in ähnliche Chartsregionen aufschwingen könnte.



Um nicht von Anfang an die geneigte Hörerschaft mit einem Hörschaden zu beglücken, beginnt das Album mit "Squealer" für seine Verhältnisse brav. Die Stiche ins Ohr sind noch wohldosiert, die Riffs klar definiert und mit etwas weniger Fuzz könnte man das Grundgerüst des Songs in die Nähe des BluesRock von Jack White manövrieren. "Californian Hills" wird dann deutlich dreckiger und düsterer, obwohl eine Prise GlamRock à la Marc Bolan in der Luft liegt, von dem Ty Segall ja bekanntermaßen ein großer Fan ist.

Bei "Emotional Mugger / Leopard Priestess" lässt Seagell die Gitarren dann von der Leine. Die Biester kreischen, überwerfen sich, sägen, stottern und machen Hooks gerade wie es ihnen gefällt. Die Eier zum Frühstück ("Breakfast Eggs") sind nichts Anderes als perfekt organisiertes Chaos. Um die Ohren mal wieder so richtig freizubekommen, empfiehlt es sich, das Frühstück mit einer Lautstärke zu zelebrieren, die dafür sorgt, dass der Nachbar im Schlafanzug mit Pantofffeln vor der Türe steht und ein zerbrochenes Glas aus der spiesigen Glasvitrine  in der Hand hält.

Der Angriff auf die Ohren wird aber noch fetter! "Diversion" klingt wie eine riesenfette fuzziversierte Version von Plastic Bertrands "Ça plane pour moi " (1977). Und mit dem Gitarren-Sologewitter gegen Ende lässt sich wahrscheinlich sogar ein jahrzehntelang verstopftes Toilettenrohr freipusten! Und jetzt kommt der Knüller: "Diversion" ist eine Coverversion von The Equals aus dem Jahre 1973 und stammt aus der Feder von Eddy Grant, den einige sicher aus seiner Solokarriere kennen ;-). What the hell!



Zappaeske Züge treten bei "Baby Big Man (I Want a Mommy)" zu Tage. Klingt wie eine Drogen-Rock-Oper, bei der der Hauptprotagonist gerade eine ziemlich üble Zeit mitmacht. Die einzige Nummer, die dem aus diesem großartigen Album herausstechenden Song "Candy Sam" das Wassser annähernd reichen kann, ist "Mandy Cream". Das Ding groovt ungemein funky, hat ein wunderbarer Hooks, tolle Riffs und verwöhnt sogar mit spacigen Synthesizerklängen. Aushilfssänger sind übrigens Bandmitglieder von King Tuff, was nicht unerwähnt bleiben soll. Aber "Candy Sam" ist DAS DING auf "Emotional Mugger"! Was durchaus dazu führen kann, dass sich Ty Segall trotz seines Gegensteuerversuches wieder in einigen Charts am Ende des Jahres finden lässt ;-).



Nach "Candy Sam" hat es jede Nummer schwer, aber "Squealer Two" lässt sich nicht bange machen und groovt da weiter, wo "Mandy Cream" aufgehört hat, nimmt dann aber eine kleine Abzweigung in Richtung PsychedelicRock. Dann schleicht sich "W.U.O.T.W.S." an Flipperklängen und der Schallschutztüre des Proberaums vorbei. Passiert dabei die weiteren Bandproberäume und saugt alle Klänge in sich auf - die Beatles scheinen auch irgendwo im Kellergewölbe versteckt zu sein.

Das Finale findet im dunklen Keller statt. Bedrohlich pulsiert bei "The Magazine" ein finsterer Beat, Segalls Stimme tritt erstmals richtig in den Vordergrund und Noiseattacken aus der Dunkelheit greifen nach dem Hörer bis letztendlich alles zerfällt und einem nichts anderes übrig bleibt, als die Nadel direkt noch mal zum Anfang der Rille zu bewegen. Fuckin' fantastic weired record! Fuzz, Fuzz, Fuzz!

Tracklist:
01 Squealer
02 Californian Hills
03 Emotional Mugger / Leopard Priestess
04 Breakfast Eggs
05 Diversion
06 Baby Big Man (I Want a Mommy)
07 Mandy Cream
08 Candy Sam
09 Squealer Two
10 W.U.O.T.W.S.
11 The Magazine

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