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Mittwoch, 12. Oktober 2016

KATE TEMPEST / Let Them Eat Chaos

Ketamin ist ein Anästethikum, welches eingesetzt wird, um Schmerzen zu bekämpfen. Im Gegensatz zu anderen Narkotika und Analgetika ist es eine Rauschdroge, die zwar Schlaf- und Schmerzfreiheit erzeugt, dabei aber weitgehend die Schutzreflexe erhält. Den Menschen in den Geschichten der britischen Dichterin und Songwriterin KATE TEMPEST geht es vorwiegend schlecht, so schlecht, dass sie diese Droge bereits zum Frühstück benötigen ("Ketamine For Breakfast"), auch wenn immer wieder Hoffnung durchschimmert.


Kate Esther Calvert, 1985 im Süden Londons geboren, war das fünfte Kind einer Arbeiterfamilie, die laut eigener Aussage in einem beschissenen Teil der britischen Hauptstadt lebte. Aber sie hatte ein gutes Zuhause und es gab immer etwas zu essen.

Mit 14 Jahren arbeitet sie nebenbei in einem Plattenladen (bis zum 19ten Lebensjahr), mit 16 Jahren bricht sie die normale Schule ab, besucht eine Musikschule und formuliert ihre Wut und Enttäuschung als Rapperin. Zeitgleich beginnt sie an Poetry Slams teilzunehmen. 2012 erscheint ihr erster Gedichtband, 2013 ihr erstes geschriebenes Theaterstück und 2014, neben zwei weiteren Theaterstücken, ihr Debütalbum "Everybody Down" mit der Lead-Single "Marshall Law" (Review).

2015 arbeitet Kate gleichzeitig an ihrem ersten Roman und am zweiten Album. 2016 werden die Früchte ihrer Arbeit veröffentlicht. Der Roman "Worauf du dich verlassen kannst" ist seit Mai diesen Jahres (auch auf deutsch) erhältlich und am 7. Oktober erschien das Album "Let Them Eat Chaos", auf dem sich Kate den Schlaflosen widmet.



Die 13 Kapitel starke musikalische Gedichtsammlung startet mit "Picture A Vacuum" wie eine Lesung, bei der nur spärliche musikalische Begleitung im Hintergrund zu hören ist. Kein Beat, nur geräuschartige Klänge und eine Geschichte. Kate befindet sich in der unendlichen Weite des Weltalls, schaut auf unseren blauen Planeten und blickt aus dieser Perspektive in die Wohnungen der Menschen, deren Leben und Gefühlszustände sie nachfolgend schildert. Es ist tiefe Nacht, wenige Minuten nach 4 Uhr. Aus dieser Perspektive und in der Dunkelheit der Nacht scheinen diese Lebenswelten mikroskopisch klein und belanglos, aber diese Gewichtung verschiebt sich, wenn Kate als stiller Beobachter detailreich die Protagonisten in den Fokus stellt.

Mit dem zweiten Song "Lionmouth Door Knocker" setzt der Beat ein und Tempest skizziert ein Bild des geteilten Londons. Die Reichen auf der einen und die Armen auf der anderen Seite.

Mit "Ketamine For Breakfast" galloppieren die apokalyptischen Reiter, die gerade noch verhältnismäßig zaghaft an die Türe klopften unaufhaltbar los. Tempest macht keine Gefangenen. Die Protagonistin Jemma in "Ketamine For Breakfast" ist gebrochen. Gebrochen durch ihr soziales Umfeld, durch Drogen und ihr Leben. Sie arbeitet hart, sie kann nicht schlafen, sie denkt über ihr beschissenes Leben nach.

Wo andere den Finger in die Wunde legen und ihre Wut herausschreien, wie beispielsweise die Sleaford Mods oder M.I.A., nimmt Kate beide Hände und weitet die Wunden so sehr, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Nicht durch brachiale Gewalt, sondern durch explizite Lyrics über Einzelschicksale (Jemma, Esther, Alesha, Pete, Bradley, Zoe und Pious) und schlichtes Augenöffnen. Da liegen sie nun offen die Missstände im angeblichen Schlaraffenland Europa: Verwirrung, Angst, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Entfremdung, Ratlosigkeit. What a fuck!

Europa hat keine Zukunft mehr, Europa ist verloren ("Europe Is Lost") - oder zumindest auf dem besten Weg dahin. Den Song schrieb Tempest sechs Monate bevor Großbritannien Europa mit dem selbstgewählten Brexit den Rücken kehrt.



Eine Krankenschwester, Esther, kommt kurz nach 4 Uhr von der Nachtschicht nach Hause. Sie kann nicht schlafen, sie sitzt in ihrer Küche und verarbeitet bei einem Bier in Gedanken die Erlebnisse ihres beschissenen Tages. Alles glänzt auf den Straßen, das System funktioniert, alle arbeiten, betäuben sich mit Drogen oder schlimmer noch, nehmen Drogen, um leistungsfähiger zu sein. Darüber spricht niemand. Angst hat man vor den Terroristen, den faulen Kern im Inneren sieht man nicht. Die Gewalt nimmt zu, die Natur liegt im Sterben, die Schere zwischen reich und arm droht zu zerreißen, aber wir vergnügen uns mit Porno-Streams aus dem Internet und suchen das Heil im Patriotismus.

"And you wonder why kids want to die for religion?" Tempest macht keinen Spaß. Düstere Beats und industrielle Geräusche flankieren ihre Geschichten aus dem sterbenden London. Wir sterben.

In "We die" sieht Alesha den Tod. Ihr verstorbener Mann besucht sie in ihren Träumen. Es wirkt so real, sein T-shirt ist blutig, sie sieht ihn fallen, aber sie glaubt nicht an Geister. Es ist 4:18 Uhr als sie erwacht und die Gedanken beginnen zu fließen.

"Whoops": Junkie Pete ist ein Straßenjunge. Arbeitslos. Wir kennen ihn vom ersten Album. Auch er ist wach in dieser Nacht. Er wankt betrunken und betäubt durch die Straßen. Er ist noch 14 Türen weit von Zuhause entfernt. Wie erstaunlich sich Tempest musikalisch weiterentwickelt hat, wie sehr Worte und Töne miteinandner verschmelzen zeigt das ganze Album, aber das nach Sleaford Mods und Mike Skinner klingende "Whoops" ist eines der besten Beispiele dafür.

Beim kurzen Intermezzo "Brews" informiert der auktoriale Erzähler darüber, dass ein Sturm über London aufzieht. Passt auf! "Don't Fall In"! Die Naturgewalten sammeln ihre Kräfte und beginnen sich zu entfalten. Der Regen peitscht, die Beats ebenso.



Szenenwechsel. "Pictures On A Screen". Der Beat plätschert sanft. Wir erfahren vom PR-Mann Bradley, der eigentlich alles hat, aber doch nur vor sich hinlebt und nicht weiß, ob er wirklich ist. Tage vergehen wie die wechselnden Bilder auf seinem Bildschirm. Er kann nicht schlafen und schaut aus dem Fenster auf die wenigen beleuchteten Fenster in der nächtlichen Stadt.

Wahrscheinlich lebt er in der Nähe von Zoe, die in einem Viertel in London lebt, das der Gentrifizierzung anheim gefallen ist. Sozial schwache Bewohner werden vertrieben und machen Platz für wohlhabende Bevölkerungsgruppen. Hippe Franchiseunternehmen verdrängen kleine Geschäfte und offerieren zu horrenden Preisen den angeblich perfekten Kaffee ("Perfect Coffee"). Alles so schön neu hier.

"Grubby": Im fünften Stock hinter einer roten Türe lebt Pious, sie kann nicht schlafen, sie hat Liebeskummer weil sie nicht lieben kann. Neben ihr liegt ein schlafender Körper Während der Erzähler uns einen kurzen Überblich über ihre Geschichte gibt, hört man nur eine Sounduntermalung als höre man gerade im TV Breaking News, dann setzt der harte Beat ein und wir treten ein in die Gedankenwelt von Pious.

Zu dramatisch ansteigenden pulsierenden Klängen gibt Tempest bei "Breaks" den Erzähler, der uns verkündet, dass der gewaltige Sturm nun seinen Höhepunkt erreicht. Unsere sieben Anti-Helden verlassen gegen jede Logik den Schutz ihrer Häuser und staunen auf den Straßen über die Macht der Naturgewalt. Die Verlorenen treffen sich. Kann diese Kraft die Krankheit ihrer und unserer Herzen heilen? Fließend geht es über in "Tunnel Vision", die Beats kehren zurück, die Keys brummen gefährlich. Wie können wir aufwachen? Aufwachen aus dem Dilemma, in welches wir uns selber manövriert haben. Wie können wir unsere Kultur von dieser Krankheit befreien?

Kate ist eine Geschichtenerzählerin. Tempest predigt. Ja, sie erhebt den Zeigefinger. Aber sie will nichts weiter, als dass wir nachdenken und erkennen, dass wir das Kleine wahrnehmen müssen, um das große Ganze zu begreifen - und es zu ändern. Tempest gibt in all ihrer Düsternis auch Hoffnung. Achtet aufeinander!

"A night to remember / That we’ll soon forget"
(Esther)

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Tracklist:
01 Picture A Vacuum
02 Lionmouth Door Knocker
03 Ketamine For Breakfast
04 Europe Is Lost
05 We Die
06 Whoops
07 Brews
08 Don't Fall In
09 Pictures On A Screen
10 Perfect Coffee
11 Grubby
12 Breaks
13 Tunnel Vision

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