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Sonntag, 15. März 2015

NEW SONGS Vol. 86: DUTCH UNCLES ... JONAS ALASKA ... DIAMOND RUGS ... LADY LAMB THE BEEKEEPER

DUTCH UNCLES / O Shudder (LP) ... JONAS ALASKA / Younger (LP) ... DIAMOND RUGS / Cosmetics (LP) ... LADY LAMB THE BEEKEEPER / After (LP)

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DUTCH UNCLES / O Shudder (LP)


Über die Musik auf dem vierten Album der englischen SynthiPop-Band lässt sich eigentlich nur Gutes vermelden. Die Kompositionen sind kreativ und raffiniert und erinnern mich stellenweise ("Babymaking", "Decided Knowledge", "Accelerate") an die in den frühen Achtzigern ziemlich erfolgreichen Waliser von Scritti Polliti. Herausragendes Merkmal der Songs bleibt aber dennoch die ungewöhnliche Stimme von Sänger Duncan Wallis, die es auf "O Shudder" mit einem immensen Instrumentarium (Holzblasinstrumente, Marimba, Streichern) zu tun bekommt.

Die Dutch Uncles erzählen vom Älter werden, aber nicht nur vom Älter werden als Grundproblem, sondern von der Familiengründung, von der Jobsuche, also expliziten Fallbeispielen aus dem Leben eines Endzwanzigers der gehobenen Mittelklasse. Der Sound ist elegant (Remember Roxy Music) - sehr smart - und obwohl eine Menge Verspieltheit in den gerne auch jazzigen Arrangements steckt, sind die feinen Melodien (Paradebeispiel: "In and Out") doch immer präsent.



Sind Puppen im Clip jetzt in? Nach Locas in Love geistert auch im neuen Clip der DUTCH UNCLES eine schäbige Puppe umher. Sorry, aber das passt hier genauso wenig wie bei Locas in Love und wertet die Musik deutlich ab. Bitte diesen Trend SOFORT beenden!



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JONAS ALASKA / Younger (LP)

Nachdem JONAS ALASKA vor kurzem endlich eine Art Best of (""If only as a Ghost") des Norwegers auf dem deutschen Markt veröffentlicht wurde, erscheint nun mit "Younger" eine LP mit wirklich neuem Material bei uns. Der junge charismatische in Norwegen mit Preisen überschüttete Skandinavier hat sich deutlich weiterentwickelt und zeigt mehr Mut zu lauten Tönen. Der Sound ist rauer geworden und Alaska lässt es sogar zu, dass man auf einige Songs durchaus tanzen könnte ("Astronomy").

Kann man seine Vorgängerplatten alle mit dem Etikett "feiner Singer/SongwriterPop mit Folkwurzeln" versehen, wird das bei "Younger" deutlich schwerer. Die Melodien sind noch immer exquisit ("All the movies"), aber nun gehen auch mal die elektrischen Gitarren ("I'm sorry", "Paper plane" klingt nach Weezer in Bestfrom! und "Friend") mit ihm durch, es klingt düsterer ("Animal") und mir fällt kein besseres Wort ein, erwachsener. Fazit: Bisher eines der besten Alben des Jahres.

Anspieltipps: "Becky" mit feinsten Ecken und Kanten und einer Lässigkeit, wie sie eigentlich nur Mark Oliver Everett besitzt.

Am 28.5. spielt Jonas Alaska in der Kassette in Düsseldorf, was fürchte ich dazu führt, dass ich seit langer Zeit mal wieder ein Konzert in besagtem Dorf besuchen werde.




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DIAMOND RUGS / Cosmetics (LP)

Die Projekt Supergruppe aus Robbie Crowell (Deer Tick),  Ian Saint Pé (The Black Lips), Hardy Morris (Dead Confederate), Steve Berlin (Los Lobos) und Bryan Dufresne (Six Finger Satellite) will es zum zweiten Mal wissen.

"Cosmetics" klingt deutlich ausgereifter als das erste Album "Diamond Rugs" aus dem Jahr 2012. Der schön rotzige Rock'n'Roll ("Live and Shout it") ist geblieben, der Hang zum traditionellen Riff auch ("Clean"), aber das Songwriting ist besser geworden (z. B. "Ain't Religion") und die Palette an Instrumenten wurde tatsächlich um Bläser (Baritonsaxophon) erweitert ("Couldn't help it", "Meant to be").

Der auffälligste Song ist "Killin' Time" mit einer akustischer Gitarre, die an "Personal Jesus" von Depeche Mode denken lässt und einer Orgel, die sich immer wieder schrill in den Vordergrund drängt. Das, was Deer Tick auch perfekt beherrscht - nennen wir es GoodTime-Beer-Drinking-Music - wird hier bis aufs Äußerste zelebriert. Perfekt passt danach das swingende "Bloom", wo die Orgel dann erst so richtig zeigen darf, wo der Hammer hängt :-).

Den auffälligsten Song hatten wir schon, aber der beste Song "Motel Room" kommt am Ende des Albums. Schmutzig, nein eher total dreckig, rau, roh und seeeehr rifflastig.

Bonuspunkte gibt es außerdem für das Cover-Artwork, welches das Beastie Boys Meisterwerk "Paul's Boutique" huldigt!


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LADY LAMB THE BEEKEEPER / After (LP)

Hinter dem etwas sperrigen Bühnennamen LADY LAMB THE BEEKEEPER (oft auch nur als Lady Lamb tituliert) verbirgt sich keine Band, sondern die amerikanische Singer-Songwriterin Aly Spaltro. Wer jetzt denkt, es handele sich um sanften traditionellen amerikanischen Folk oder Country, mit dem die in Maine Geborene die Welt erobern will, der wird sich wundern, wie kraftvoll und energisch dieses Lämmchen tatsächlich ist. Zu allererst vergesst Kategorien, dann vergesst die Assoziation vom sanften friedlichen Lamm. Madame Spaltro wildert in allen Gärten, pflügt sie wie ein Wirbelwind um und hinterlässt Zuhörer mit offenem Mund.

Seit 2007 schreibt die Amerikanerin Songs, nimmt sie Zuhause auf und experimentiert mit allem, was ihr in die Finger kommt. In ihrer Discography auf Wikipedia stehen bereits 7 (!) Alben und ich bin mir ganz sicher, dass nicht wenige Hörer nach "After" diesen Backkatalog lückenlos aufarbeiten werden - mich eingeschlossen.

Weil jeder Song auf "After" etwas Besonderes ist, muss ich in die Einzelkritik:

01. "Vena Cava": Hat schon mal jemand einen Song über die Hohlvene gemacht? War aber auf jeden Fall Zeit, denn das Ding ist immens wichtig und bei Lady Lambs "Vena Cava" schwillt die meine vor Freude an, so schön sind die Tempowechsel, die lauten und leisen Passagen UND die scheppernden Fuzz-Gitarren sowieso!

02. "Billions of Eyes": IndiePop mit treibendem Rhythmus gefällig? Gitarren-Licks wie in den Sixties? Gute-Laune Mitsing-Refrain? Alles drin!



03. "Violet Clementine": Dieser Song hat so viele Wendungen, dass einem beim ersten Hören schwindelig wird. Es beginnt mit dieser wundersamen Stimme, dann attackiert ein Banjo, der Rhythmus setzt ein und wird durch elektronisches Geblubber abgelöst. Dann nimmt der Beat fahrt auf und puscht das Stück dynamisch nach vorne. Break. Zwiegesang wie bei einem Musical, der Beat rückt in den Hintergrund und die Perkussionabteilung übernimmt den Rhythmus, der dann urplötzlich wieder galoppiert und in eine Art Marsch mit Bläsern übergeht. Luftholen!



04. "Heretic": Agressives Power-Drumming und PostPunk-Gitarren zum Auftakt, dann Rückführung zur Melodie. Spätestens mit Song vier wird wohl jedem klar, dass hier ein musikalisches Energiebündel alles aus sich strömen lässt, weil sie sonst wahrscheinlich vor Kreativität platzen müsste.

05. "Sunday Shoes": Natürlich kann sie auch zarte, zerbrechliche Balladen wie es sich für einen Singer-Songwriter gehört. Jawoll!



06. "Spat Out Spit": Minimalistischer Beat und sanfte Vocals, aber ab und an wird die Tür geöffnet und das pralle Leben strömt herein. Lady Lamb resümiert darüber "Was für ein komisches Wesen der Mensch doch ist". Wo sie recht hat, hat sie Recht.



07. "Penny Licks": LoFi-Homerecording-Simulation schwingt sich auf, um auf einem Seil zwischen Pop und Folk zu spazieren. Mal unbeschwert, mal im Gefahrenbereich, aber enthusiastisch und erfüllt am Ende.

08. "Dear Arkansas Daughter": Kraftvolle Rocknummer mit exzellenten Gitarrenspielereien über eine sterbende Liebe. Aber natürlich mit vielen dramatischen Wechseln und einigen feinen Soli.

09. "Milk Duds": Tanzbarer Folk, der ein wenig an Mumford & Sons erinnert, und für Lady Lamb Verhältnisse ziemlich geradlinig verläuft.

10. "Ten": Die akustische Gitarre klimpert vor sich hin und Lady Lamb singt wehmütig und sorgenvoll über eine Geschichte, die sie in den Kindheitsaufzeichnungen ihrer Mutter liest.
Musikalisch radikal skelettiert, um den Fokus auf die Lyrics zu setzen.

11. "Batter": Kompromisslose stakkatoartige Riffs stampfen den Beat. Smells like New Wave.

12. "Atlas": Lady Lamb entlässt ihr Publikum mit einer Art County-Ballade, die gekonnt zwischen laut und leise wechselt und noch mal alles zeigt, was dieses Album so herausragend macht.



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