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Samstag, 5. Mai 2018

LUCY DACUS live in Cologne / Support: Jamie Cruickshank

Location: Blue Shell, Köln
Date: 03.05.2018

 

6:37, mit ein paar Minuten Verspätung startet mein Flieger von Valencia, wo ich die letzten 12 Tage zu Urlaubszwecken verbracht habe, in Richtung Köln. Schöne Stadt, die ich uneingeschränkt empfehlen kann, wenn man Urlaub & Kultur verbinden möchte. Kultur gibt es aber natürlich auch in Köln und ein Highlight in dieser Hinsicht findet heute um 21 Uhr im Blue Shell statt, weswegen ich mich trotz Urlaubsende auf den Heimflug freue.


Das Wetter in Köln ist nicht viel kälter als in Valencia, was es mir nicht schwer macht, mich wieder auf heimatliche Gefilde einzustellen und ich somit zwar etwas müde, aber durchaus akklimatisiert bin, als ich 15 Minuten nach acht am Blue Shell eintreffe.

Bis auf Frau H. - die gerne mal etwas später eintrifft ;-) - und dem Herrn Professor sind bereits alle, auch B., was mich besonders freut, am Büdchen und schlürfen das erste Bierchen des Abends. Ich bin ja eigentlich noch auf Horchata mit Farton, aber man gewöhnt sich ja relativ schnell wieder an ein gutes Becks. Die unverwüstliche V., die zur Zeit eine einjährige Auszeit unter spanischer Sonne genießt, ist natürlich nicht nur wegen LUCY DACUS in die Heimat gereist, aber dass Lucys Auftritt mit ihrem Aufenthalt korrespondiert, scheint sie doch ziemlich zu freuen. Die Sonne in Spanien ist besser, aber dafür finden in Kölle die besseren Konzerte statt!

Nachdem auch Frau H. und der Prof. eingetroffen und mit einem Kaltgetränk abgefüllt sind, geht es ins leider nicht ausverkaufte Blue Shell. Leider, leider verdammt wenig Publikum, das zu schätzen weiß, welche fantastische Alben Madame Dacus mit "No Burden" (2016) und "Historian" (2018) vorgelegt hat. Und dabei ist die aus Richmond in Virginia stammende Songwriterin erst zarte 23 Jahre alt!

Zu unserer Freude gibt es eine Vorband, obwohl wir im Netz keine Infos darüber finden konnten. Zwei Herren, einer mit Banjo und einer mit Gitarre betreten die Bühne und stellen sich so nuschelnd vor, dass man sofort wieder vergisst, wer oder was sie sind. Nachrecherchen haben dann aber ergeben, dass es sich um JAMIE CRUICKSHANK handelt.



Die beiden Herren, wenn ich richtig liege ist der andere Herr ein gewisser George Cooke, spielen im weitesten Sinne amerikanischen Folk, der mich in guten Momenten an die Felice Brothers in abgespeckter Form erinnert. Ziemlich traurig die Stücke, weswegen es mit meiner momentan noch vom Urlaub beeinflussten Laune zu Diskrepanzen kommt und mir eher die etwas flotteren und mit mehr Rhythmik versehenen Stücke gefallen. Überraschenderweise geben sich die beiden als Briten aus Bristol zu erkennen, die vom Brexit nicht viel halten und bereits im zarten Alter von 8 Jahren begannen, miteinander zu musizieren.



Und dann fährt uns allen plötzlich ein ordentlicher Schreck in die Glieder, denn nach einem lauten Aufprallgeräusch sehen wir B. auf dem Boden liegen! Schnell wird klar, dass B. schon Sekunden später wieder ansprechbar ist, aber auch, dass sie sich eine fette Platzwunde am Hinterkopf zugezogen hat. Gott sei Dank ist ein Arzt vor Ort (danke!) und auch das Personal des Blue Shells hilft mit, so dass B. einen schicken Kopfverband erhält und der Rettungswagen nach wenigen Minuten eintrifft, denn die Wunde muss definitiv versorgt werden und eine Gehirnerschütterung ist sicher auch nicht auszuschließen.

Bessere Brille, oder?
Mittlerweile geht es ihr, nach einer Nacht im Krankenhaus unter Aufsicht von Schwester H., wieder gut und wir hoffen, dass du liebe B. beim nächsten Konzert trotzdem wieder mit dabei bist - wir schnallen dir dann ein Kopfkissen an den Kopf und ketten dich an den mit dem größten Körpergewicht ;-).

Ohne B. und Frau H. beginnt das Konzert von Lucy Dacus dann also etwas später als geplant. Lucy ist mit drei Mann unterwegs, ein Gitarrist, der aussieht wie die junge Version von Mr. E., ein Bassist und ein Schlagzeuger. Lucy trägt eine randlose Brille zu einem schwarzen Anzug und sieht deutlich älter aus als 23. Liebe Lucy, diese randlose Brille geht einfach gar nicht, wenn man solche Gläser auf der Nase braucht, dann auch richtig dazu stehen!

Würde man sich rein auf den visuellen Eindruck verlassen, würde man nicht vermuten wie very fein diese 23-Jährige, die in etwa soviel animalischen Rock 'n' Roll-Appeal verströmt wie Françoise Cactus von Stereo Total, zu rocken vermag! Klar, Lucy Dacus ist kein Bühnentier, ihr reichen wahrscheinlich 40 Quadratzentimeter, um ihre "Show" auf der Bühne zu präsentieren und mit irgendwelche abgehalfterten Posen hat sie sowieso nichts am Hut, aber Lucy Dacus ist mit 100% bei der Sache und begeistert durch die Hingabe mit der sie ihre selbst geschriebenen Songs präsentiert.
Und das, obwohl sie unumwunden zugibt, dass sie sich sehr auf Zuhause freut, denn Köln ist ihre vorletzte Station auf ihrer zweimonatigen Tour durch Europa und sie sehnt sich danach wieder im eigenen Bett zu schlafen.



Gleich der Opener des Konzertes ist übrigens einer meiner Lieblingssongs von ihrem neuen Album, denn "Addictions" zeigt alle Facetten, die Lucy Dacus zu etwas Besonderem machen: raffiniertes Songwriting, Arrangements mit steigender Dramatik und druckvolles Spiel!

Nach "The Shell" und "Nonbeliever" kommt mit "Yours & Mine" ein weiteres Highlight, bei dem Dacus beweist, was sie für eine begnadete Sängerin ist -  sowohl in lauten wie in leisen Tönen. Spielerisch leicht gelingt es ihr mit ihrer Band auch die Songs "Body to Flame", Timefighter", "Next of Kin" und "Pillar of Truth" - bei dem es um Lucys Grandma geht - vom aktuellen Album live zu präsentieren und besonders "Timefighter" macht mit seiner kleinen Noise-Einlage besonders viel Spaß.



Schließlich kommen mit "Strange Torpedo" und "Map on a Wall" die ersten beiden Songs von ihrem Debütalbum, das etwas kratzbürstiger ist als ihr Zweitwerk, dafür aber im Songwriting noch nicht so ausgefeilt - ich finde aber beide Alben bezaubernd!

Anschließend verkündet Lucy, dass sie den nächsten Song für das Mädchen spielt, das jetzt leider nicht hier sein kann. Verdammt gefallene B., jetzt bekommst du doch glatt ihren Hit "I don't wanna be funny anymore" gewidmet! Das Stück ist mit dem noch nicht gespielten "Night Shift" eindeutig ihre stärkste Nummer, ein absoluter Kandidat für die Indie-Disco! Ach, was zuckt mein Tanzbeinchen! Herrlich!



Und was fehlt noch zum Glück? Richtig "Night Shift"! Wird serviert und schmeckt auch live vorzüglich! Als Nicht 9-to-5-Worker muss ich den Song ja lieben! Dann ist Schluss und Lucy verlässt unter großem Applaus die Bühne, kommt aber noch einmal zurück, um zusammen mit ihrem Gitarristen "Historian" als Abschlusssong des Abends zu spielen.

Ich verneige mich vor diesem tollen Gig, bedanke mich bei Frau Dacus, hoffe sie hat auch ihren letzten Gig in Amsterdam gut gemeistert und hat nun die erste Nacht in ihrem eigenem Bett in Richmond verbracht.




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