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Montag, 28. Mai 2018

BAYUK / Rage Tapes [Review]

In Diebenga (schwäbisch für Thüringen) wird 1991 ein junger Knabe namens Magnus Hesse geboren. Er entwickelt sich zu einem kreativen Geist, der sich mit 14 Jahren Gitarre- und Klavierspielen beibringt, später Cello in einem Orchester spielt und Literaturkunst- und Filmwissenschaften studiert. Irgendwann zieht er nach Berlin, kommt vom Film zur Musik und nennt sich BAYUK, weil sein bürgerlicher Name eher zu einem Schriftsteller als zu einem Popmusiker passt.


Am 4. Mai erschien sein Debütalbum "Rage Tapes", auf dem man alles heraushören kann, was Bayuk als Inspirationsquellen in den verschiedenen Pressemitteilungen über sich angibt: The Notwist (elektronische Frickeleien), John Frusciante (Soundexperimente), David Lynch (cineastische Klänge) und RenéMagritte (unerwartete Brüche).

Das Album beginnt mit einer über 8 Minuten langen Nummer namens "Phantom Track", die mit verschleppten Dope-Beats und spooky Vocals aufwartet und bei Radiohead-Fans für Begeisterungsstürme sorgen dürfte. Gute Laune verströmt Bayuk auf seinem ersten Longplayer nicht. Er experimentiert im Graubereich zwischen Melancholie und Depression, lässt seine Songs unscharf flirren –  das klingt dann wie der perfekte Soundtrack zum Betrachten von Luftspiegelungsbildern bei großer Hitze.

Die Legende - oder die Pressemitteilungen - lassen verlautbaren, dass während der Studioaufnahmen in Dauerschleife David Lynch-Filme liefen. Ob das stimmt, steht in den Sternen, aber es hört sich auf jeden Fall sehr schön an und man mag es einfach glauben, wenn man sich durch die 44 Minuten des Albums hört.


Wem der zweite Song des Albums "Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz" irgendwie bekannt vorkommt, der hat natürlich recht, den Bayuk traut sich, das Traditional "Auld Lang Syne" ziemlich unverblümt zu zitieren. Mutig und gut!

Bei "Old June" klickert und klackert und flirrt es, dass man gar nicht weiß, was einem geschieht. Dazu Handclaps und Xylophonklänge und geisterhafte Samples. Der Song hätte auch wunderbar auf Sufjan Stevens Meisterwerk "The Age of Adz" gepasst. Vertrackt und gut!



Es bleibt spooky und wird sehr traurig: Zur akustischen Gitarre bei "Shoot Me" ertönen Martinshörner im Hintergrund, während Bayuk fleht, dass irgendwer da draußen sein Leben für ihn lebt. Das ist starker Tobak und gut!

"Lions In Our Bedroom" brummt gefährlich und spielt mit einer orchestralen Kakaophonie, ehe sich die Stimme zum gemächlichen Beat gesellt. Über mehrer Vokalspuren hinweg türmt sich der Song immer mehr auf, zerfällt und türmt sich erneut auf. Wer sich dazu keine Bilder aus einem Lynch-Film vorstellen kann, der hat noch nie einen gesehen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Bayuk erzählte, dass die meisten Songs an der Akustikgitarre entstanden, was man wie ich finde am deutlichsten bei "The Beast Have Arrived" hören kann, weil trotz aller Soundeffekte sehr ohrenscheinlich wird, welch exzellenter Songwriter der Schwabe ist. Hochdramatisch und gut!



Der kürzeste Song des Albums "The Scales (Weight Two)" ist im Prinzip ein Acapella-Song unterfüttert mit minimalistischen Klavierklängen und Geräuschen. Kurz und gut!

Ein weiterer Song für Radiohead-Fans ist "Plastic Moon". Die Songstrukturen werden durch die unterschiedlichsten Field Recordings aufgebrochen, im Wall of Sound versteckt sich eine sehnsuchtvolle Melodie, die sich nur ab und an hören lässt. Größenwahnsinnig und gut!

Der Abschlusssong dieses wagemutigen Debütalbums ist "If I'd Ever", ein ätherisches Stück, dass den Zuhörer schweben lässt, so dass dieser nach dem etwas abrupten Ende mit Streicherklängen aufpassen muss, um nicht unsanft in der Realität zu landen - aber es gibt ja auch Plattenspieler mit Auto-Repeat-Funktion ;-).



Tracklist:
01 Phantom Track
02 Haaappiiiiiiiiiiiiinneeeeezz
03 Old June
04 Shoot Me
05 Lions In Our Bedroom
06 The Beast Have Arrived
07 The Scales (Weight Two)
08 Plastic Moon
09 If I'd Ever




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