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Sonntag, 24. Januar 2016

TINDERSTICKS / The Waiting Room

Wartezimmer sind eigentlich Räume, in denen ich mich überhaupt nicht gerne aufhalte. Erstens, weil man wartet und zweitens, weil man sie in erhöhtem Maße bei Ärzten oder Behörden antrifft. Einen Warteraum mit wohliger Atmosphäre kann man sich nur schwerlich vorstellen, es sei denn, es wäre ein Raum, in dem niemand hustet, alle Handys auf lautlos gestellt sind und alle verzückt den Kopf in den Nacken gelegt haben, um der seltsamen Kammermusik der TINDERSTICKS zu lauschen.


Klopf, klopf! Hereinspaziert. Folgen Sie mir in das Gemach der leisen Klänge. Die Empfangsdame ("Follow me") ist ein warmherziges Harmonium. Es klingt nach verlangsamt abgespielter Winnetou-Melodie und beruhigt wahrscheinlich sogar einen Bullen, der gerade zur Schlachtbank geführt wird, ist aber in Wahrheit eine Coverversion aus der Fimmusik von "Meuterei auf der Bounty" aus dem Jahre 1962 des Komponisten Bronisław Kaper.

Der Typ mit der Eselkopfmaske mir gegenüber seufzt behaglich auf und zündet sich eine Zigarette an - obwohl das in Warteräumen ja eigentlich seit langer Zeit schon nicht mehr gestattet ist. Seltsamerweise entsteigt der Rauch auf seinem Inhalationsweg aus einer seltsam gleichförmigen, wie ausgeschnittenden Wunde auf der Eselsschnauze. Staples ärgert sich zu zarten instrumentalen Tupfern leise über vertane Chancen. Ich frage den Esel, ob das Jazz oder Chanson ist, aber er hält nur den Zeigefinger vor seine Lippen, um mir zu verdeutlichen ich solle die Klappe halten, ich verkneife mir also die Frage, ob er diese Bläsersätze auch so zauberhaft findet.

Als der Song "Were We Once Lovers?" mit einem knackigen aber dezenten Bass beginnt, fängt der Esel an leise zu weinen. Liebe und die Tindersticks waren schon immer eine großartige Verbindung, aber je nach Gefühlzustand halt auch sehr schmerzhaft. Der Song nimmt Fahrt auf, so dass ich nicht mehr hören kann, ob der Esel, der mit dem Kopf auf dem Tisch des Wartezimmers ruht, noch weint. Wahrscheinlich ist er unglücklich verliebt und hat seine zweite Chance ein für allemal verspielt?



Die Rhythmusabteilung ist nun in Schwung gekommen ("Help Yourself). Hoffentlich hört der Esel zu und ihm wird durch diese funky groovende Nummer von den Bläsern ordentlich der Marsch geblasen, so dass er aufhört sich im Selbstmitleid zu ertränken. Ich muss grinsen als mir auffällt, dass er doch tatsächlich mit dem rechten Fuß im Takt wippt.

Den nächsten Song ("Hey Lucinda") kenne und liebe ich schon. Ein herzergreifendes Duett mit der am 1. Januar 2010 an Brustkrebs verstorbenen amerikanisch-mexikanischen Sängerin Lhasa de Sela. Hoffentlich lässt der Esel den Blick gesenkt, sonst sieht er, dass mir Tränen über das Gesicht fließen.



Die Intensität in diesem Wartezimmer ist wirklich etwas ganz besonderes, irgendwie greifbar und doch flüchtig. Der Esel scheint sich wieder gefangen zu haben - ich auch. Wabernde Klänge ("This Fear of Emptiness") durchziehen den Raum. Außer dem Esel und mir ist niemand in dieser Kammer der Leere. Keine Stimme erklingt. Zeit, um Gedanken kreisen zu lassen. Irgendwofür muss warten ja gut sein. Trägt der Typ den Eselskopf als Zeichen der Bestrafung? Selbstbestrafung?

Die Tür öffnet sich ("How He Entered") und eine weitere Person betritt den Raum. Das "Guten Tag" ist mehr gehaucht als gesprochen. Das eine Bein leicht nach sich ziehend platziert sich die ganz in schwarz gewandete Dame an der Position im Raum, die am weitesten von mir und dem Esel entfernt ist. Können wir es eigentlich beeinflussen wie Personen oder Geschehnisse in unser Leben treten? Und was ist ein gelungener eigener Auf- oder Eintritt?

Auch mit mehreren Personen gefüllt ist ein Warteraum ("The Waiting Room") meist ein stiller Raum. Gedämpfte Orgelklänge geistern von Wand zu Wand und Staples singt verzweifelt davon, dass er nicht leiden möchte. Aber sind Zimmer, in denen man wartet, nicht immer voller Leiden - psychischer und physischer Natur?

Die Damen holt aus ihrem regennassen Mantel eine Art Spieluhr hervor und eine verträumte unendlich traurige Melodie ("Planting Holes") erklingt. Der Esel und ich werfen schüchterne Blicke in ihre Richtung.




Worauf warten wir nur? Sind wir alle nur gefährliche Träumer ("We are Dreamers!)? Ich denke, ich sollte aufstehen und gehen, ich weiß ja gar nicht worauf ich warte! Aber diese Trommeln sind geradezu hypnotisch und ich fühle mich wie in einem Traum gefangen. Wieso behaupten die beiden Stimmen, dass dies nicht die wirkliche Erde ist? Träume ich? Bin ich gefangen in einem Film von David Lynch?

Plötzlich steht die Dame von ihrem Stuhl auf, geht in die Ecke des Esels, setzt sich auf den Stuhl neben ihm und streichelt zärtlich seine rechte Hand ("Like Only Lovers Can"). Der Esel hebt den Kopf und obwohl die Maske sein Antlitz verdeckt, sehe ich ihn lächeln. Ich erhebe mich und säusele mit gesenktem Haupt ein "Auf Wiedersehen" ehe ich den Raum verlasse. Warteräume sind sehr seltsame Räume, aber nun kenne ich auch einen, in dem man sich wohlfühlen kann.

"The Waiting Room" ist ein grüblerisches, minimalistisch instrumentiertes, aber atmosphärisch unglaublich dichtes Album voller Poesie. Jeder Song des Albums wurde von verschiedenen unabhängigen Filmemachern visuell in einem Kurzfilm umgesetzt. Das Werk entstand als Resultat der Zusammenarbeit mit dem Clermont-Ferrand International Short Film Festival in Frankreich und hatte seine Premiere am 19. Januar bei Rough Trade in New York. Das Album wird sowohl in der CD-(Deluxe-Edition), als auch in der Vinyl-Version mit einer DVD, die alle Videos beinhaltet, ausgeliefert.

Alle Kurzfilme zum "The Waiting Room Film Projekt" unter: https://www.youtube.com/watch?v=ZU4YIY6mia8


Tracklist:
01 Follow Me
02 Second Chance Man
03 Were We Once Lovers?
04 Help Yourself
05 Hey Lucinda featuring Lhasa De Sela
06 This Fear of Emptiness
07 How He Entered
08 The Waiting Room
09 Planting Holes
10 We are Dreamers!** featuring Jehnny Beth (Savages)
11 Like Only Lovers Can



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