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Montag, 5. März 2018

LUCY DACUS / Historian [Review]

Vor zwei Jahren debütierte LUCY DACUS aus Richmond, Virginia mit dem Album ‚"No Burden". Das Debüt der jungen Amerikanerin, die eigentlich Film an der Virginia Commonwealth University studierte, sich aber 2015 für die Musik und gegen den Film entschieden hatte, erntete für ihren Stil zwischen klassischem Singer/Songwritertum und IndieRock, speziell bei Kritikern und in der Fachpresse, durchwegs gute Kritiken. Der amerikanische Rolling Stone sprach gar von einem der besten IndieRock-Alben des Jahres.


Jetzt ist Lucy 22 und bringt mit "Historian" ihr zweites Album auf den Weg. Wer in diesem Alter, ein Album mit der Zeile "The first time I tasted somebody else’s spit, I had a coughing fit." [Deutsch.: Das erste Mal, als ich jemandes Spucke probierte, hatte ich einen Hustenanfall] beginnt, hat dann schon alles richtig gemacht. Wir schließen daraus, Frau Dacus trägt ihr Herz auf der Zunge und geht eben auch mal dahin, wo es wehtut ;-).



Bei ambitionierten Schriftstellern gilt ja das Gesetz, dass der erste Satz eines Buches von immenser Bedeutung für das Gesamtwerk ist, in diesem Sinne attestiere ich Lucy, die ihre Karriere ja bereits mit einem überragenden Songtitel, nämlich "I Don't Wanna Be Funny Anymore " startete, deswegen folgerichtig ungewöhnliche Fähigkeiten als Texterin. Vom brillanten Text abgesehen ist "Night Shift" aber auch noch ein fantastischer Song, der wie eine Lagerfeuerballade beginnt, in seinem über sechsminütigenVerlauf aber dann den ganzen Wald in Brand setzt.



Song Nummer 2 "Addictions" setzt auf einen Rhythmus, der in die Beine fährt, smashigen Gitarren und dezenten Bläsern, besticht aber vor allem durch seine filigranen Tempowechsel. Bei "The Shell" wird das Tempo gemächlicher und Lucys Stimme, die zwar immer prägnant ist, wird hier zum dominanten Leader dem Schlagzeug, Keys und Gitarren bedingungslos folgen. Und was schreibt diese, kaum dem Teenageralter entsprungene, Künstlerin für verführerische Melodien und graziöse Arrangements!

Nach Song Nummer 4 "Nonbeliever", bei dem sich Streicher und Gitarren in einen Rausch manövrieren, wird klar, dass Lucy Dacus beim angeblich so schwierigem zweiten Album noch eine Schippe draufgelegt hat und es der im ähnlichen Gefilde agierenden Courtney Barnett schwer machen dürfte in diesem Jahr das Nonplusultra im female IndieRock zu bleiben - Anna Burch hat da sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden.



Bei "Yours And Mine" - dem Song bei dem sich Lucy vom Protestmarsch für Frauenrechte, der in Washington einen Tag nach der Amtseinführung von Trump stattfand, inspirieren lies - sind es vor allem die kleinen instrumentalen Soloausflüge gegen Ende des Stückes, die mich verzücken und beim anschließenden "Body To Flame" das orchestrale Arrangement, das anfangs in einer Kammer wohnt und sich dann plötzlich im Ballsaal breitmacht.

Aber die stärksten Songs auf "Historian" sind jene, die bedächtig daherkommen, sehr gefällig, sehr virtuos und dann urplötzlich zu erstklassigen Rockmonstern mutieren - "Timefighter " ist auch so einer! Da wir jetzt schon beim Siebten von zehn Songs angekommen sind, wird es auch Zeit, dass Wort Meisterwerk in den Mund zu nehmen, denn auch die letzten drei Stücke "Next Of Kin","Pillar Of Truth " und "Historian" fallen nicht ab, sondern runden dieses sehr schlüssige Album perfekt ab.

In nur zwei Jahren gelingt Lucy Dacus mit "Historian" der Sprung in die IndieRock-Champions League, jetzt muss sie beweisen, dass sie sich dort auf Dauer halten kann, das Potenzial dazu ist definitiv vorhanden.

Tracklist:
01 Night Shift 
02 Addictions
03 The Shell 
04 Nonbeliever
05 Yours And Mine 
06 Body To Flame
07 Timefighter 
08 Next Of Kin
09 Pillar Of Truth 
10 Historians






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