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Donnerstag, 28. Juli 2016

WILLIAM TYLER / Modern Country

Sommerloch-Ausgleichsplatte Nummer Zwei.


Gibt es etwas Schlimmeres als diese seelenlose Ambient-Fahrstuhlmusik, die zu tausenden auf diesen schrecklichen Chillout-Sounds-Samplern unter das entspannungswütige Volk geschmissen wird? Klare Antwort: Nein!


Umso verwunderlich ist es, wie mich das Instrumental-Album "Modern Country" des an Weihnachten 1979 in Nashville geborenen WILLIAM TYLER in seinen Bann zieht. Wo es doch klingt wie Ambient-ChillOut-Country?!?   


Tyler ist Bandmitglied von Lambchop, hat vor "Modern Country" schon drei weitere Soloalben ("Behold the Spirit" 2010, "Impossible Truth" 2013 und "Lost Colony" 2014) veröffentlicht, von denen ich aber vorher nie etwas gehört hatte.

Grundvoraussetzung, um Tylers Musik zu genießen, ist es, sämtlich Vorurteile über Instrumentalmusik und speziell Country/Americana ohne Gesang über Bord zu werfen. Weiterhin sollte man seine Musik, auch wenn sie sich dazu eignet, nicht als Hintergrundmusik zu genießen, sondern wirklich zuzuhören und vielleicht das eine oder andere Getränk dazu zu verzehren. Aber Vorsicht, denn Menschen mit ausgeprägtem Hang zur Melancholie kann es durchaus dabei passieren, dass sie mehr trinken als sie wollten, denn die Songgebilde des Herrn Tyler sind von höchster Emotionalität, wenn man sich auf sie einlässt. Auf was man sich einlässt, erklärt Tyler im Trailer-Video zum Album:



Ja, "Modern Country" ist ein politisches Statement ohne Worte, ein trauriger Abgesang auf verlorene Werte einer Gesellschaft, aber auch ein Bekenntnis zur Liebe zu den Vereinigten Staaten von Amerika.

"Highway Anxiety" heißt das erste Stück auf "Modern Country". Ein mehr als neunminütiger Song. Eine endlos scheinende Autobahn aus Angst und Sorgen, die, wenn man die Komposition näher betrachtet, gar nicht so unähnlich ist mit "Autobahn" von Kraftwerk, obwohl das Stück von Tyler mit ganz anderem Instrumentarium und fast vollständig ohne elektronische Unterstützung umgesetzt wurde. Der Titel gibt zwar die Richtung vor, aber trotzdem bleibt es dem Zuhörer offen, ob es Hoffnung auf diesem eingeschlagenen Weg gibt, denn man kann sich die Musik sowohl mit apokalyptischen als auch mit hoffungsvollen Bildern im Kopf füllen.



Hinter dem wunderbaren Songtitel "I'm Gonna Live Forever (If It Kills Me)" verbirgt sich eine melodiöse Fingerpicking-Nummer mit ganz dezent eingesetzten musikalischen elektronischen Akzenten. Erinnert gleichzeitig an Gitarren-Virtuosen wie Leo Kottke und Alternative Country à la Wilco - von denen sich Tyler für das Album übrigens Glenn Kotche für die Perkussions ausgeliehen hat.

"Kingdom of Jones" betrachtet laut Tyler die Rekonstruktionszeit, in der die Südstaaten nach dem Sezessionskrieg wieder in die Vereinigten Staaten eingegliedert wurden bis heute. Das kann man, obwohl der archaische Delta-Blues vom Mississippi durchschimmert, nur schwer heraushören, aber mit dem Hintergrundwissen lässt sich dann doch heraushören, dass es noch immer Differenzen zwischen den Nord- und Südstaaten zu geben scheint. Als Deutscher darf man sich demnach bewusst machen, dass die Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland auch noch etwas Zeit verschlingen dürfte.



Über welches Albion in den Vereinigten Staaten der Mond bei "Albion Moonlight" scheint, darf man sich bei der großen Auswahl an US-Städten mit diesem Namen aussuchen, laut Tyler bezieht sich der Song aber auf ein 1961 vom amerikanischen Dichter Kenneth Patchen veröffentlichtes Werk namens "The journal of Albion Moonlight". In der Prosaarbeit geht es wohl um nichts Geringeres als um Verlust, Angst, Leid und Grenzen. Grenzen in der Liebe, Grenzen beim Sex und Grenzen im Kopf. Da passt die grenzenlose Musik von William Tyler natürlich exzellent.

"Gone Clear" beginnt wie ein omnipräsentes melodiöses Grundrauschen. Erst gemächlich gesellen sich Begleittöne dazu, ehe nach knapp zwei Minuten ein Wechsel stattfindet und die Melodie offener wird. Barockesque Züge treten hervor und Klangstukturen erklingen wie man sie von Vertretern der klassischen Minimal Music z. B. Philip Glass kennt, ehe sich alles wieder in Richtung Beginn verwandelt. Virtuos und faszinierend!

Eine melodiöse funkelnde Schönheit ist "Sunken Garden". Wahrscheinlich gibt es wegen dieses Instrumentalstücks genauso viele Gitarrenspieler, die ihr Instrument weglegen, weil sie erkennen, was Virtuosität ist, wie solche, die erstmals zur Gitarre greifen, um solche Erhabenheit zu erreichen. "Very fein", wie man hier zu sagen pflegt.



Die Verabschiedung von diesem Instrumental-Meisterwerk findet mit "The Great Unwind" statt, wo Tyler Verzerrungen an der Melodie zerschellen lässt und über mehr als acht Minuten mit Vogelgezwitscher und einem langsam aufkommenden Beat wieder in die Realität entlässt - außer man dreht das Vinyl einfach um und beginnt von vorn ;-) .

Tracklist:
01 Highway Anxiety
02 I'm Gonna Live Forever (If It Kills Me)
03 Kingdom of Jones
04 Albion Moonlight
05 Gone Clear
06 Sunken Garden
07 The Great Unwind


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