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Mittwoch, 13. Juli 2016

ISOLATION BERLIN / Und aus den Wolken tropft die Zeit

Das Sommerloch ist da und so bietet sich die Gelegenheit, Platten vorzustellen, die im Laufe dieses Jahres erschienen und aus welchen Gründen auch immer, auf diesem Blog bisher keine Erwähnung fanden - obwohl sie es verdienen!


Beginnen wir mit ISOLATION BERLIN.

Mit der Bewertung des Produktes "Und aus den Wolken tropft die Zeit" durch den renommierten Musikexpress als Album des Monats im Februar, hatte ich zu Beginn so meine Schwierigkeiten, weswegen ich ursprünglich auch von einer Besprechung absah. Aber dann bestellte ich mir die Scheibe doch auf Vinyl und was man auf Vinyl besitzt, hört man bekanntermaßen einfach anders und so drehte sich die Scheibe und drehte sich und drehte sich und plötzlich hatten die Berliner mich in der Tasche.


Bamborschke und seine drei Mitstreiter (Max [Gitarre], David [Bass] und Simeon [Schlagzeug]) sind jung, kommen natürlich aus Berlin und fanden ihre Heimat selbstverständlich beim Staatsakt-Label, dem Zuhause für deutschsprachige Musik mit Niveau. Vor "Und aus den Wolken tropft die Zeit" erscheinen bereits zwei EP's ("Aquarium" 2014 und "Körper" 2015), die es im Staatsakt-Shop nun gebündelt als EP-Kollektion "Berliner Schule / Protopop" gibt. Die Anschaffung lohnt ebenfalls, denn die Berliner basteln nicht, wie eigentlich üblich, ihren ersten Longplayer aus dem Songmaterial ihrer EP's, sondern präsentieren 12 neue Songs.

"Ich bin ein Produkt ich will das ihr mich schluckt", ist die Schlüsselzeile in "Produkt", bei dem Sänger Tobias Bamborschke zusehends aufbraust, wie es einst der König von Deutschland, Rio Reiser, in bisher unnachahmlicher Weise tat. Um den Vergleich kommt man einfach nicht herum, aber Isolation Berlin ist trotzdem frisch und anders, weil es ihnen darüber hinaus gelingt, neben der stimmlichen Ähnlichkeit ihres Sängers zum einstigen Frontmann von Ton Steine Scherben die melancholische schwermütige Glückseeligkeit von Element of Crime, die urgewaltige Sloganmaschine von Tocotronic und das seltsam Andersartige von Ja,Panik in ihren Sound zu integrieren.



Trotzdem schwer mit dem Schlucken des Produktes tat ich mich deswegen, weil es wegen dieser Vielschichtigkeit etwas dauert, bis man dieses Sammelsurium an unterschiedlichsten Songs als Gesamtwerk erfasst:

Es gibt den auf Orgelklängen schwebenden Trommelmarsch "Produkt", den Leckt-mich-Am-Arsch-Mitsing-Pop von "Fahr weg", das melancholische aber sonnig verpackte "Aufstehn, Losfahrn", das deprimierend schöne "Schlachtensee", das schmissige mit funky Groove unterfütterte "Verschließe dein Herz", das punkig aggressive nach Fehlfarben tönende "Ich küss dich", das krawallige "Ich wünschte, ich könnte", das depressiv-romantische "Du hast mich nie geliebt", den Songwriter-Chanson "Der Garten deiner Seele", das explosive wahnwitzige Indie-Disco-Monster "Wahn", die schwermütig-schwelgerische Ballade "In manchen Nächten" und guterletzt den Epilog von "Herz aus Stein", der den Prolog "Produkt" wieder aufnimmt.



Isolation Berlin scheisst auf Trends und öffnet der Depression die Hintertür, damit sie hinaus in die Welt kann. Herzlich willkommen!

Tracklist:
01 Produkt
02 Fahr weg
03 Aufstehn, Losfahrn
04 Schlachtensee
05 Verschließe dein Herz
06 Ich küss dich
07 Ich wünschte, ich könnte
08 Du hast mich nie geliebt
09 Der Garten deiner Seele
10 Wahn
11 In manchen Nächten
12 Herz aus Stein

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