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Donnerstag, 28. Mai 2015

COBAIN - Montage of Heck [DVD, Blu-Ray]

Kurt Donald Cobain, geboren am 20. Februar 1967 in Aberdeen (Washington), gestorben am 5. April 1994 im Alter von 27 Jahren in Seattle. Aufgefunden drei Tage nach seinem Tod durch eine Überdosis Heroin und einem selbstgesetzten Kopfschuss, ausgeführt mit einer Browning-Selbstladeflinte. Sein Abschiedsbrief endete mit einem Zitat aus dem Neil Young-Song "My My, Hey Hey (Out Of The Blue)":

It’s better to burn out than to fade away.

21 Jahre nach seinem Tod erscheint die von seiner Tochter Frances Bean autorisierte sowie mitproduzierte und von Regisseur Brett Morgen auf dem Sundance Festival zum ersten Mal gezeigte Filmcollage (aus Mist), an der Morgen acht Jahre lang gearbeitet hat.

Am Pfingstmontag, meine Familie liegt noch in den Federn, lege ich die mir zugesandte Promo-DVD von "Montage of Heck" in den DVD-Player. 127 Minuten später bin ich ziemlich verstört über das, was da in liebevoller Kleinarbeit aus über 200 Stunden unveröffentlichter Musik auf Musikkassetten,  darunter Jamsessions mit Freunden, mit Courtney, einigen frühen Demotapes seiner ersten Band „Fecal Matter“, Coverversionen von Beatles-Songs, Mix-Tapes, Hörspielen, Soundcollagen und aus seinen Tagebucheintragungen und schriftlichen Notizen gebastelt wurde.



Liebevoll, weil speziell die Aufarbeitung des schriftlichen Materials mit viel Fingerspitzengefühl durch Animationen zum Leben erweckt wurde, liebevoll auch, weil Regisseur Bratt Morgen darauf achtet, nicht die Musik-Ikone, sondern den zu tiefst innerlich zerrütteten Menschen Kurt Cobain zu porträtieren. Verstörend, weil Szenen wie der erste Haarschnitt der kleinen Frances Bean in den Händen eines völlig zugedröhnten Kurts, oder wenn Kurt von seiner allerersten sexuellen Erfahrung mit einer geistig Behinderten spricht, sprachlos machen.

"Montage of Heck", übersetzt in etwa "Collage aus Mist", ist der perfekte Titel für die Dokumentation, da er sich sowohl auf das benutzte Material (Tondokumetne, etc.) als auch auf das Leben von Kurt Cobain, in dem ziemlich viel schief läuft, beziehen lässt.

Dieser Film ist nichts für Fans, die sich an der Musik Nirvanas berauschen wollen oder ein weiteres Heldenepos suchen, sondern für interessierte Menschen, die versuchen wollen zu verstehen, wie Cobain seinen Schmerz, seine Wut, seine Verzweiflung - und meines Erachtens auch seine Unfähigkeit im realen Leben zu bestehen - versucht durch die Musik zu kompensieren. Einerseits ist die Kreativität, mit der er seinen Gefühlen zeichnerisch und musikalisch Ausdruck verleiht, sein Überlebensmotor, aber gleichzeitig auch das Gaspedal Richtung Abgrund, in den er letztendlich mit Vollgas und Ansage rauscht.



Als Kleinkind erlebt Kurt die typische amerikanische heile Welt. Mit seinen blonden Haaren sieht er aus wie eine Inkarnation aus einer Astrid Lindgren-Verfilmung, er wird, wie seine Mutter in Interviews verlauten lässt, abgöttisch geliebt, aber dann, als Kurt 9 Jahre alt ist, zerbricht die Ehe seiner Eltern und - so werden es sicher tausende von Hobbypsychologen deuten - das Drama beginnt.

Aus dem Kind mit dem immer sonnigen Gemüt wird ein hyperaktiver, missverstandener Teenager, mit dem niemand klar kommt, was durch Interviews mit Kurts Eltern und Verwandten ziemlich deutlich belegt wird, und den deswegen niemand lange bei sich haben will. Die Wut wächst und wächst und mit 14 flüchtet sich Kurt in die Musik, er stößt auf Punkrock und wenig später auf den damit verbundenen musikalischen Underground seiner Heimatstadt.

“I tried hard to have a father, but instead I had a dad. I just want you to know that I don't hate you anymore. There is nothing I could say that I haven't thought before.” ("Serve the Servants")

1985, mit 18, schmeißt Cobain die Schule und zieht zu seiner damaligen Freundin Tracy Marander, die im Film mehrmals zu Wort kommt und noch immer liebevoll über Kurt spricht, obwohl sie es sicher nicht sehr einfach mit ihm hatte: Sie finanziert das Leben, während Kurt sich in der Wohnung verkriecht und pausenlos Songs schreibt oder zeichnet.

1987 gründet sich Nirvana. Im November 1988 erscheint die erste Single "Love Buzz / Big Cheese", ein Cover der holländischen Rockband Shocking Blue.





Mit dem im August 1989 erscheinenden Debüt-Album "Bleach" kommt die Lawine ins Rollen. Erst ganz gemächlich, um dann fast exakt zwei Jahre später mit dem Album "Nervermind" Band und den Underground, in den sich Cobain geflüchtet hatte, mit sich zu reißen. Das neue Mittel zur Flucht aus der Realität wird Heroin.

Morgen gelingt es trotz zahlreicher Konzertausschnitte auch in dieser Phase von Kurts nun rasantem Rock 'n' Roll-Leben den Fokus auf der Persönlichkeit des Musikers zu belassen. Er verdeutlicht durch sehr gegensätzliche Interviews (in denen viele Weggefährten Cobains zu Wort kommen) und Aussagen von Kurt selbst, die innere Zerrissenheit des Musikers in dieser Phase.

Mit vielen privaten, teils schockierenden Familienaufnahmen von Kurt und Courtney, die er am 24. Februar 1992 in Waikīkī auf Hawaii heiratete, und deren gemeinsame Tochter, die im August des gleichen Jahres geboren wird, erhält man sehr intime Einblicke in das Leben des Musikers und kommt als Zuschauer nicht umhin festzustellen, wie sehr sich Cobain nach einem heilen Familienidyll sehnte - es aber gleichzeitig verabscheute - und wie er unfähig war die Bürde zu tragen, die man als Familienvater automatisch zu bewältigen hat. Selbst in den klaren Momenten Kurts, in denen er seine Tochter innig liebkost, ist erkennbar, wie schwer Cobain mit dieser neuen Rolle in seinem sowieso schon aus dem Ruder laufenden Leben zurecht kam.

Anfang März 1994 arbeiten Nirvana am dritten Album "In Utero", wegen Magenproblemen, die ihn bereits seit seiner Jugend quälen, bricht Cobain die Aufnahmen ab und fliegt mit seiner Frau nach Rom. Der Film nähert sich dem Ende mit dramatischen Aufnahmen im Krankenhaus, wo Courtney eintrifft, um nach ihrem Mann zu sehen, der nach einem Selbstmordversuch mit Rohypnol dort eingeliefert wurde.



Kurt überlebt und begibt sich anschließend in eine Entzugsklinik, aus der er jedoch am 1. April flieht und untertaucht. Der Film endet mit Texttafeln, die beschreiben, was am 5. April die Musikwelt erschütterte und aus Cobain einen Musiker machte, der nie verblasen wird.

Das Drama, welches Brett Morgen eindrucksvoll offenlegt, ist, dass der geniale Musiker als Mensch gnadenlos gescheitert ist. An seinen Ansprüchen, seinen Wünschen, seiner Umwelt, aber auch an seinem Mangel an Hoffnung und Willenskraft zur Veränderung. Als Idol ungeeignet, als grandioser Musiker mit Leib und Seele aber schier unerreicht.

Euer Hobbypsychologe
Ö





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