Labels

Sonntag, 8. Februar 2015

PUNCH BROTHERS / The Phosphorescent Blues

Welch graziles Meisterwerk die PUNCH BROTHERS mit ihrem vierten Album "The Phosphorescent Blues" vorlegen, lässt sich nur schwer in Worte fassen.

Einerseits scheint die Musik vor Leichtigkeit zu schweben, andererseits legt sie sich aber auch schwer auf das Gemüt. Einerseits will die Platte Pop sein, aber andererseits auch Kammermusik. Oder doch Bluegrass, Folk, Jazz oder Country? Oder gar Klassik?

Versucht man das Album mit Adjektiven zu versehen, entstehen ähnliche Widersprüche: elegant, virtuos, verspielt, reduziert, melancholisch, warm, anschmiegsam, erhaben, fesselnd, audiophil, konstruiert, spannend, entspannend, leidenschaftlich, beseelt, feingeistig, nonchalant, aufwühlend, euphorisch, wild, groovig, meditativ, laut, leise, abwechslungsreich, vertraut. Was nun?

Versuchen wir es über die Band: Die Gruppe entstand 2006 und eigentlich nur als Projekt unter dem Namen "How to Grow a Band". Sänger und Mandolin-Spieler Chris Thile beschreibt die Intention zur Bandgründung in einem Interview im Nashville City Paper wie folgt: “We got together one night just to drop a ton of money, drink too much wine, eat steaks, and commiserate about our failed relationships".



Die Ehe des Vierundzwanzigjährigen war gerade zerbrochen und in musikalischer Zusammenarbeit mit seinem Kindheitsfreund Gabe Witcher - damals Violinist und auch jetzt der Fiddler der Punch Brothers - machte er sich an die Aufarbeitung des aktuell beschissenen Lebens. Auf einem Bluegrass-Festival kam man mit dem Banjospieler Noam Pikelny in Kontakt und merkte sofort, dass man auf einer Wellenlänge lag. Womit die musikalische Grundausrichtung, nämlich Bluegrass zwar gefunden, aber nicht manifestiert war - so waren schon auf dem Debütalbum von How to Grow a Band, welches mit dem Gitarristen Chris Eldridge und dem Bassisten Greg Garrison eingespielt wurde, zum Beispiel auch Coversongs von Jack White und den Strokes.

2007 ändert die Band ihren Namen in Punch Brothers nach der Erzählung "A Literary Nightmare" von Mark Twain, bei dem eine Melodie sich ohrwurmartig in den Geist einer Person gräbt und erst wieder verlässt, als dieser musikalische Virus an eine nächste Person weitergegeben wird. Diese Geschichte wurde später unter dem Titel "Punch, Brothers, Punch!" veröffentlicht und voilà, kann man einen Bandnamen schöner wählen?

Es folgen die ersten beiden Longplayer "Punch" (2008) und "Antifogmatic" (2010), bei dem die musikalischen Brüder den Bluegrass immer mehr mit Elementen aus der klassischen Musik und dem Jazz verbinden.



Wie der erste Clip mit dem White Stripes-Cover "Dead Leaves in the Dirty Ground" zeigt, hatte die Band schon von Anfang an eine gehörige Portion Vituosität und Spielfreude, aber ihren eigenen Stil perfektionieren sie erst mit der 2012 erschienenen LP "Who's feeling you now?", wo sich das exzellente Songwritingtalent und die Gabe für andersartige Kompositionen immer mehr herausschält.

Mit diesem Album schaffen es die Punch Brothers, vor allem wegen ihrer Spielintelligenz, besonders Kritiker zu begeistern. Auch die Fanbase wächst, aber noch wirken einige Songs etwas zu konstruiert, um das normalsterbliche Publikum völlig zu begeistern und auch in Ländern zu punkten, wo Bluegrass eher als botanischer Fachbegriff (Wikipedia: "Der Begriff Bluegrass bezeichnet die aufgrund des nährstoffreichen Bodens blaugrünen Blätter des Wiesen-Rispengrases") aufgefasst wird. Mit "The Phosphorescent Blues" dürfte dieser Schulterschluss allerdings nun spielend gelingen, denn obwohl sie ihrem hohen musikalischen Anspruch wieder gerecht werden, erreichen die neuen Kompositionen das Publikum nicht nur über das Ohr, sondern ganz explizit auch über die Seele.



"Julep" beispielsweise ist ein funkelndes Kleinod, der die optimale Besetzung für die erwähnte Mark Twain-Geschichte wäre - allerdings ohne seinen Wirt in den Wahnsinn zu treiben. "Familiarity" ist eine mehr als 10 Minuten lange Symphonie mit Beach Boys-Gesangsharmonien, die alles andere als vertraut klingt, und bei jedem Hören seine anfängliche Sperrigkeit mehr und mehr ablegt.

"Passepied (Debussy)" ist die Adaption eines Klavierstückes von Debussy. Ein Passepied ist ein französischer Rundtanz aus der Zeit des Barocks. Was die Punch Brothers in ihrer klassischen Bluegrass-Besetzung daraus machen, ist wie so vieles auf diesem Album absolut einzigartig. Nach dieser Instrumentalnummer folgt mit "I Blew It Off" eine euphorische CountryPop-Nummer, die durchaus Potential hat, auch den Mainstream zu erobern.

Sehr zappelig und ungeheuer groovend ist "Magnet". Wenn jemand behauptet zu den Punch Brothers kann man nicht tanzen, dann wird er hiermit eindrucksvoll widerlegt. "My Oh My" changiert zwischen dramatischen Strophen und einem geradezu hingehauchten zärtlichen Refrain, ehe die Band mit "Boll Weevil" eine fast schon klassische Bluegrass-Nummer vorlegt.



Zum Luft holen folgt danach mit "Prélude (Scriabin)" eine kurze Überarbeitung eines Stückes von einem russischen Komponisten - die perfekte Hinführung zu einem weiteren Highlight der Platte: "Forgotten", eine Nummer tief im Moll, die nur durch einen Alles-wird-gut-Chorus Erlösung verspricht.

Fast nahtlos fügt sich daran "Between First and A" an. Das in den Strophen sehr zögerliche Stück erweist sich im Refrain als gut getarnte 70er-Jahre FlowerPower-Popnummer, eine musikalische Wundertüte, die mich irgendwie auch an Steely Dan erinnert. Der finale Song "Little Lights" mausert sich peu à peu von einer sanften Ballade bis zu seinem euphorischen Ende, also genau passend zu dem Gefühlzustand, in den mich dieses Album entlässt.



Seit 9 Jahren arbeiten die Punch Brothers nun daran, den Bluegrass in eine höhere Ebene zu transportieren, mit "The Phosphorescent Blues" ist ihnen dieses Kunststück im höchsten Maße gelungen. Prädikat besonders wertvoll, ein fantastisches Album!

Keine Kommentare:

Kommentar posten