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Sonntag, 27. April 2014

DAMON ALBARN / Everyday Robots

Gibt es Menschen, die mit dem Begriff "Everyday Robots" nichts anfangen können?

Immer weniger Individuen gelingt es, sich dem roboterhaften Alltag zu entziehen oder sich zumindest Nischen zu erschaffen - heutzutage noch viel schwerer als vor wenigen Jahrzehnten vor der so genannten digitalen Revolution. Also was tun, um rauszukommen aus der digitalen Falle, die ständige Erreichbarkeit und Verlust der Privatsphäre mit sich bringt? Die Anregung des Schriftstellers und früheren Vordenkers Hans-Magnus Enzensberger das Mobiltelefon wegzuwerfen, riecht nach Realitätsverweigerung, besonders wenn man die gerade von Apple veröffentlichten neuesten Absatzzahlen für das iPhone zu Rate zieht.

Wir wissen nicht, ob DAMON ALBARN sein Mobile schon entsorgt hat, aber die Textzeilen aus dem Titel "Everyday Robots", "We are everyday robots on our phones,  in the process of getting home. Looking like standing stones, out there on our own." sprechen dafür, dass Damon zumindest darüber grübelt. Und das Erkennen des "Übels" steht immer vor der Beseitigung desselben ;-).

"Everyday Robots" wurde von Albarn sicher nicht zufällig auch als Albumtitel gewählt, denn der britische Tausendsassa des Pop (Blur, Gorillaz, „The Good, the Bad & the Queen“) grübelt viel auf seinem neuen, dem ersten echten Solo-Album. Es ist ein leises, ein introvertiertes, verletzliches und wie bereits angerissen sozialkritisches Album, dessen Grundausrichtung vom vortrefflichen Artwork des Covers noch unterstrichen wird.

01. "Everyday Robots":
Der wichtigste Song des Albums beginnt mit der Zeile "They didn't know where they was going, but they knew where they was, wasn't it", einem Sample aus "The Gasser" des amerikanischen Comic-Künstlers Lord Buckley, in dem er den im 15. Jahrhundert lebenden spanischen Eroberer Álvar Núñez Cabeza de Vaca wüst beschimpft. Verbunden mit den von Albarn geschriebenen Zeilen, garniert mit schlürfendem Beat und elektronischem Fiepsen, ergibt sich daraus ein in Frage stellen der Position des Menschen in unserer aktuellen Gesellschaft. Haben wir auch nur eine Ahnung, wohin uns die dramatische technologische Entwicklung der Zukunft bringt? Ähnlich wie die spanischen Eroberer einfach in eine ihnen unbekannte Welt eindrangen, stoßen wir immer weiter in technische, ja sogar virtuelle Welten vor ohne abschätzen zu können, welche Gefahren auf uns warten.

Noch nimmt die menschliche Kommunikation im Internet mehr Volumen ein als die Kommunikation zwischen Maschinen, aber die Wachstumsraten für die Maschinen sprechen ein deutliche Sprache für eine baldige Umkehrung der Verhältnisse. Verlieren wir durch die modernen Kommunikationsmittel also womöglich die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren und somit die Basis für eine funktionierende menschliche Gesellschaft?


Damon Albarn -- Everyday Robots - MyVideo

02. "Hostiles":
In der Sunday Times erklärte Damon, was es mit "Hostiles", deutsch "Feinde", auf sich hat: "... partly to do with the way so many people watch films where characters with no back story are just being annihilated. Look at video games - ‘hostiles’ is the name given to the enemy. They’re given no back story. There’s no humanity. Yet they’re given human shape."

Zentrales Thema des Songs ist die fortschreitende Entmenschlichung, einhergehend mit der Lähmung des Einzelnen sich dagegen zur Wehr zu setzen, sondern lieber in Lethargie und Resignation zu verfallen als hätte man eine durchzechte Nacht hinter sich. Musikalisch noch etwas reduzierter als der Opener des Albums erklingt zur sanften Stimme Damons ein maschinenartiges Geräusch, eine gezupfte Gitarre und perlende Pianoklänge. Blur-Fans werden sicher einige Parallelen zu "Out of Time" vom 2003er Album "Think Tank" erkennen.

03. "Lonely Press Play":
Wieder paart Damon elektronisches Knistern mit Klavierklängen und singt dazu Zeilen über Vereinsamung, Verlust und Trennungsschmerz. Herzrhythmusstörungen zeigen wenigstens, dass man noch am Leben ist.



04. "Mr. Tembo" (featuring The Leytonstone City Mission Choir)
Nach dem dritten Song strömt mit "Mr. Tembo" tatsächlich so etwas wie gute Laune durch den schweren melancholischen Vorhang, das das Album in seiner Gesamtheit prägt. Der Song, bei dem speziell der jubilierende Gospelchor für die gehobene Stimmung sorgt, handelt von einem verwaisten Elefantenbaby, den Mister Albarn auf einer Afrika-Reise kennenlernte - also doch nicht sooo lustig ;-)

05. "Parakeet":
Kleines Intermezzo mit einer Art akustischem Cash-Flow und lieblichem Glockenspiel.

06. "The Selfish Giant" (featuring Natasha Khan)
Getragene Molltöne und ein tiefer monotoner Beat eröffnen das Duett mit Bat for Lashes ala Natasha Khan, deren Stimme sich aber immer dezent im Hintergrund hält. Großartigste Textpassage im selbstsüchtigen Riesen: "I had a dream that you were leaving. It's hard to be a lover when the TV's on and nothing is in your eyes."

07. "You and Me" (featuring. Brian Eno):
Mehr als sieben Minuten lang resümiert Damon Albarn über seine Heroinabhängigkeit in den Neunzigern. Aber es ist kein Heroin-Song wie "Beetlebum", auch keine Abrechnung oder ein Song mit erhobenem Zeigefinger, sondern eine intime ehrliche, eher schüchterne, emotionale Rückbesinnung. Ich tippe mal das entzückende perkussive Zwischenspiel haben wir Herrn Eno zu verdanken.



08. "Hollow Ponds":
In "Hollow Pond" blickt Albarn zurück auf markante und weniger markante, aber unvergessene Stationen seines bisherigen Lebens. Eine charmante melancholische Retrospektive, die klickt und klackert und den Zuhörer "Blick zurück nach vorn" als Botschaft mit auf den Weg gibt.


09. "Seven High":
Erneutes kurzes Intermezzo. Eine Art Klang-Collage mit Klaviertönen.

10."Photographs (You are Taking Now)":
Das Lied mit dem Herzklopfen-Beat enthält ein Sample aus dem Hörbuch "The Psychedelic Experience: A Manual Based on the Tibetan Book of the Dead", einem Handbuch basierend auf dem tibetanischen Totenbuch, vom Schriftsteller und Drogen-Guru der Hippie-Generation Timothy Leary, in dem er dem Zuhörer einen LSD-Trip beschreibt.

11."The History of a Cheating Heart":
Eine akustische Gitarre, einzelne Streicher und seine unverkennbare Stimme, mehr benötigt Damon nicht für ein ergreifendes Liebeslied, das zweifelt, ob es ein solches ist.

12. "Heavy Seas of Love" (featuring. Brian Eno & The Leytonstone City Mission Choir)
Ja, man kann jubelnden Gospel mit melancholischem BritPop verknüpfen. Zu diesem famosen Stück fallen mir unweigerlich die Worte von Sven Regener ein: "Schwere See, schwere See, mein Herz".



Fazit: Albarn bündelt all seine vielfältigen musikalischen Erfahrungen zu einem betörenden Meisterwerk, das hoffentlich nicht nur Ohren und Herzen, sondern auch ein paar Köpfe erreichen wird.

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