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Freitag, 1. März 2013

JOHN GRANT / Pale Green Ghosts

Der amerikanische Singer-Songwriter John Grant war bis 2004 Mitglied der wenig bekannten alternativen Rockband The Czars. 2010 startete er seine Solo-Karriere mit dem Album „Queen of Denmark“ und erlangte damit mehr Aufmerksamkeit als je zuvor. In musikalischer Zusammenarbeit mit der Band Midlake thematisierte er in seinem Debüt seine drogenverhangene Vergangenheit und homosexuellen Neigungen, musikalisch angesiedelt zwischen Antony and the Johnsons und Jay Jay Johanson.

Nach dieser offenherzigen Art der Vergangenheitsbewältigung zieht Grant nach Reykjavik und arbeitet mit der ElectroPop-Band Gus Gus an seinem zweiten Album „Pale Green Ghosts“. Wenig verwunderlich also, dass das neue Werk deutlich mehr elektronische Einflüsse aufweist. Gleichgeblieben ist allerdings, dass Grant in seinen Lyrics sein Innerstes dem Zuhörer ungeschönt wie auf einem Tablett serviert.

Vieles auf „Pale Green Ghosts“ ist lupenreiner ElectroPop oder für alle älteren Semster SynthiePop, so wie ihn zu Beginn der 80er Jahre Bands wie Human League, Soft Cell oder Heaven 17 in die Popwelt brachten. Der Song „Pale Green Ghosts“ ist der Einstieg ins neue Album und das Paradebeispiel für den neuen Sound. Die Beats blubbern fett - es riecht nach analogen Synthesizern - und Bläser aus dem Bond-Fahrwasser sorgen für zusätzliche Dramatik. Obwohl Grants tiefe Stimme und die Art seiner Intonation dies ja sowieso schon übermaßen tut. Er erzählt, wahrscheinlich höchst autobiographisch, wie ein Mann versucht, den Kleingeistern und Zwängen einer Kleinstadt zu entfliehen. Für mich der eindringlingste Song des Albums. "Black Belt" ist vom Tempo her flotter - manche können dazu vielleicht sogar tanzen - und etwas besser gelaunt, aber die Beats und vor allem die flirrenden Keyboardsounds bleiben höchst retro.



Nach dem elektronischen Auftakt folgen drei Balladen."GMF", bei dem erstmals eine Gitarre zu hören ist, wirkt leider etwas zu überfrachtet und schmalzig. Besser gelingt der Spagat zwischen Kitsch und Pathos bei "Vietnam", wo die Beats etwas holpern und sich orchestrale Streicher geschickt einbinden. Inhaltlich stellt Grant darin Vergleiche zwischen Krieg und Liebe an.

Bei "It Doesn't Matter to Him" greift Grant am deutlichsten auf seine musikalischen Wurzeln als Singer/Songwriter zurück. Schönes Songwriting und dazu Backing Vocals von der berühmtesten Glatzköpfin der Popmusik, Sinéad O'Connor - die noch bei weiteren Songs als Gastsängerin mitwirkt. Sehr gewöhnungsbedürftig bleiben aber erneut die sphärischen Synthiesounds. Wenn die Vocals nicht wären, könnte der Song im letzten Drittel auch als Nummer von Air durchgehen!

"Why Don't You Love Me Anymore" läutet dann den Wechsel von der emotionalen Ballade zur tief melancholischen düsteren Electro-Nummer à la Depeche Mode ein. Ganz leichte Tempoverschärfung folgt bei "You Don't Have To". Jetzt geht Grant beim Gesang in die Vollen! Er macht uns doch tatsächlich den Dave Gahan und der Moog-Synthesizer blubbert dazu.

"Sensitive New Age Guy" knüpft wieder an die beiden ersten Songs des Albums an, allerdings klingt Grants Stimme nun nicht so pathetisch, sondern brüchig und sogar ein bisschen dreckig, außerdem wechselt er zwischen sprechen und singen. "Ernest Borgnine" (im Song geht es darum HIV-positiv zu sein) geht noch ein Stück weiter. Die Vocals werden partiell durch den Decoder gejagt und freejazzige Saxophonklänge erklingen. In diese Richtung hätte ich mir ein paar mehr Experimente gewünscht.

Bei den letzten beiden Liedern "I Hate This Town" und "Glacier" darf dann endlich das Musikinstrument, welches beim Debüt-Album die Federführung hatte, zur Geltung kommen. Das Klavier!

"I Hate This Town" verblüfft mit mutigen Tempowechseln zwischen gefühlvoller Ballade und "Schunkellied". Mit der über sieben Minuten langen inbrünstigen Ballade "Glacier", in der Grant erneut seiner Homosexualität thematisiert, endet das Album.

Ein Werk voller emotionaler Intensität, klanglich hervorragend produziert von Biggi Veira (Gus Gus), dem es aber stellenweise etwas am Mut zur Innovation fehlt. Aber großartiges Artwork beim Cover-Design!

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