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Dienstag, 6. Juni 2017

BENJAMIN BOOKER / Witness [Review]

Nach seinem schlicht mit seinem Namen betitelten Debütabum und einer ausgiebigen Tour, war der als Benjamin Roderick Evans geborene amerikanische Musiker ausgepowert. Wie ich selber aus Erfahrung weiß, hilft in solchen Fällen, den Horizont erweitern und dies kann man am allerbesten, indem man fremde Länder bereist und die Seele baumeln lässt.

BENJAMIN BOOKER fasste den Entschluss nach Mexiko zu reisen, alleine, obwohl er des Spanischen nicht mächtig ist. Der Perspektivwechsel und die neuen, nicht nur positiven Erfahrungen eröffneten einen neuen Blick auf die eigene Gesellschaft und die Inspiration für neue Songs begann wieder zu sprudeln.


Weit weg von den ewigen Schlagzeilen der Medien, die sich fast ausschließlich aus Tod, Gewalt und Schrecken zu speisen schienen, genoss er diese seltsame schwerelose Unwissenheit. Zurück in den Staaten war sein Blick geschärft und die erneute Konfrontation lies in ihm die Erkenntnis reifen, dass er nicht länger nur Beobachter sein möchte. Ist es auf dieser Welt ausreichend, nur Zeuge zu sein?

Der Titelsong und Name für Bookers zweites Album war gefunden: "Witness""

Bookers Zweitwerk ist anders als sein roher ungeschliffener Erstling, was sich ja bei der ersten, in Zusammenarbeit mit Mavis Staples entstandenen Hörprobe "Witness" bereits andeutete. Nicht mehr der stellenweise brachiale GarageRock ist das tragende Element seiner Songs, sondern der Soul. Die neuen Stücke sind nicht mehr so intensiv, aber gefühlvoller.

Zwar ist der Beginn des Albums mit "Right On You" gewohnt rumpelig und ungehobelt, aber schon beim zweiten Song "Motivation" wird das Tempo rapide gedrosselt. ABER, der Song ist eine Offenbarung. Die Melodie tritt deutlicher hevor als jemals zuvor bei einem Booker-Song. Die leicht verzerrte Gitarre, die Geigen und die rauchige Stimme Bookers sind trunken vor Sehnsucht.



Nach dem bereits bekannten und im April vorgestellten Gospel-Soul-Song "Witness" [New Songs Vol. 152] kommt mit "The Slow Drag Under" erneut eine Nummer, die ganz anders klingt als "Motivation", aber mit den selben Zutaten arbeitet. Kann man jetzt schon resümieren, dass Booker den Schlüssel gefunden hat wie man Rotzigkeit erhält und sie mit einer wohltuenden souligen Entspanntheit verkuppelt?



Die Wahrheit ist hart für Anhänger von Rohkost, aber Bookers zweiter Longplayer ist genauso brilliant wie sein erster. Weiteres Beispiel, der seltsam frickelige Blues bei "Truth Is Heavy", der klingt als seien die Briten Alt-J eine Liebelei mit der ur-afromerikanischen Musik eingegangen.

Booker wirkt auf "Witness" wie ein junger Mann, der rastlos auf der Suche nach Antworten ist und  sämtliche Türen aufreißt  - auch weil er an etwas glauben möchte. Der Schlüsselsong des Albums ist für mich dewegen nicht "Witness", sondern die exquisite Soulnummer "Believe", die man auf jeden Soul-Classics-Sampler schmuggeln kann ohne Irritationen hervorzurufen.



Auch beim nächsten Song "Overtime" gelingt Booker ein einzigartiges MashUp aus Soul, Blues und GarageRock - natürlich wieder von einer unwiderstehlichen Melodie getragen, die beweist, welch großer Songwriter der Mann aus Virginia ist.

Mit "Off The Gorund" stillt Booker dann das Verlangen der Fans, die das Gaspedal lieber etwas mehr durchgedrückt haben möchten. Leider ist die Nummer nur 2:28 lang und erst nach etwas mehr als einer Minute beginnt die wilde Fahrt.

Anschließend wieder der Fokus auf Soul und Gospel. "Carry" setzt auf Pianoklänge, ein unter Herzschlagtempo arbeitendes Schlagzeug und kontinuierliches Auf- und Abschwellen. Den letzte Song des Albums "All Was Well" führt eine funky Leadgitarre, die aber von krawalligen Kollegen aus der Garage begleitet wird.

Rundum gelungenes Zweitwerk, das schon jetzt verdeutlicht, dass sich Booker nie mit dem Erreichten zufrieden geben wird und immer für Überraschungen gut ist.



Tracklist:
01 Right On You
02 Motivation
03 Witness (feat. Mavis Staples)
04 The Slow Drag Under
05 Truth Is Heavy
06 Believe
07 Overtime
08 Off The Ground
09 Carry
10 All Was Well

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