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Mittwoch, 14. Oktober 2015

GLEN HANSARD live in der Live Music Hall [Cologne, 12.10.2015]

Neulich beim Plattenabend hörten die unverwüstliche V., der treue Konzertbegleiter C. und meine Wenigkeit unter anderem auch in die neue Platte "Didn't He Ramble" von dem von uns hochgeschätzten irischen Barden GLEN HANSARD rein. Wir waren uns sehr schnell einig, dass Glen mit der neuen Platte sicher nicht sein bestes Album abgeliefert hat, aber der Mann hat ja noch jede Menge Bonusguthaben von seinen letzten Veröffentlichungen, so dass uns vor seinem Konzert in Köln nicht wirklich bange wurde, aber immerhin doch leichte Bedenken aufkamen. Die größte Schuld an dieser Sorge trägt der Song "McCormack's Wall", der zu schmalzig, zu pathetisch ist und stellenweise sogar nach den schrecklichen Kellys stinkt.

Bevor ich mich ausgiebig dem Konzertabend widme, möchte ich an dieser Stelle noch einmal das Anfang des Jahres veröffentlichte Tributalbum "It Was Triumph We Once Proposed ...", auf dem Hansard seinem verstorbenen Freund und Kollegen Jason Molina die Ehre erweist, indem er dessen Songs interpretiert, wärmstens ans Herz legen. (Rezension in den News Vol. 88).

Aber nun zum eigentlichen Abend. Das Wetter ist kalt, also beste Vorraussetzung um den wärmenden Liedern des irischen Oscarpreisträgers zu lauschen. Neben V. und C. ist heute auch mein holdes Weib von der Partie. Das ist sehr selten und damit sie sich vielleicht desöfteren zu Konzertbesuchen aufraffen kann, habe ich ihr schlauerweise die Tickets für Glen zum Geburtstag geschenkt, denn von den Live-Qualitäten von Hansard konnte ich mich schon beim Rolling Stone Weekender 2013 überzeugen. Die unverwüstliche V. hat sogar so etwas wie ein Hansard-Concert-Abo, will sagen sie verpasst den Iren so gut wie nie und bekommt noch immer leuchtende Augen, wenn sie vom letzten Konzert im Stollwerk erzählt;-)

Heute aber nicht Stollwerk, sondern ausverkaufte Live Music Hall. Wir sind kaum drin in der Halle als zwei Herren namens "The Lost Brothers" ganz unspektakulär auf die Bühne treten und mit lediglich zwei Gitarren den Lagerfeuerabend in der alten Industriehalle eröffnen. Die beiden Herren Oisin Leech und Mark McCausland sind nur Brüder im Geiste, teilen sich jedoch die musikalischen Aufgaben sehr demokratisch, das heißt, beide singen und beide spielen Gitarre. Die Musik des irischen Duos erinnert an Van Morrison oder Hank Williams, aber es fehlt leider das markante Eigenständige, was bei den beiden genannten Singer/Songwritern-Vorbildern zweifelsohne vorhanden ist. So hört man dem Duo gerne zu und es gefällt einem auch, was man hört, aber ich erhalte keinen "Muss-ich-auf-Vinyl-haben-Impuls", was dafür spricht, dass ich es nicht mit etwas sehr Einprägsamen oder Außergewöhnlichem zu tun habe, sondern etwas, was schnell verloren geht ;-)

Dann wird die Bühne im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben gefüllt. Mit neun Mitmusikern entert Glen die Bühne. Zwei Damen im Streicherteam (Cello und Geige), ein Herr am Bass, eine Dame - wie sich später herausstellt mit sehr feiner Stimme - am Flügel, ein Bläser-Trio (großartig der Mann an der Posaune!), ein Mann am Schlagzeug und Gitarrist Rob Bochnik, der mit Glen auch schon bei The Frames und The Swell Season musiziert hat.

Die Band beginnt mit dem bedächtigen und sehr ruhigem "Just to Be the One", bei dem Hansard zu einem weich fließenden Streicherarrangment und einem dezenten Querflöten-Soli mehr flüstert als singt. So bringt man das Publikum dazu, dem Künstler von der ersten Sekunde an die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Mit "My Little Ruin" folgt ein weiterer Song des aktuellen Albums und ich schäme mich schon ein bisschen über das vielleicht zu vorschnell gefällte Urteil zu ""Didn't He Ramble", aber wie immer ist es natürlich auch etwas anderes, ob man Hansard aus der Dose oder live mit dieser unglaublichen funkensprühenden Intensität erlebt.

"Winning Streak" vom neuen Album ist der erste Song, der mir schon beim Zuhausehören mit seiner Hookline "Roll the dice" im Ohr kleben geblieben war. Glen klingt bei diesem Song weniger irisch als sonst, eher mehr wie ein amerikanischer Singer/Songwriter mit Wurzeln in Nashville. Beim nächsten Song durchzieht ein Grinsen mein Gesicht. "Maybe not Tonight" ist vom 2012er Album "Rhythm and Repose" einer meiner Lieblingssongs und da er live eher seltener von Glen gespielt wird, bin ich entzückt. Einfach herrlich wie Rob Bochnik die Gitarre weinen lässt.

Mit
"When Your Mind's Made Up" kommt der erste The Swell Season-Song und natürlich wird dieser vom Publikum wärmstens begrüßt. Ich möchte gar nicht wissen wie vielen Zuhörer jetzt Bildsequenzen aus "Once" durch den Kopf flimmern. Als ich meiner Arbeitkollegin am Tag danach vom Konzert erzähle und den Film erwähne, kennt diese das cineastische Meisterwerk gar nicht. Sollten Sie ebenfalls über eine derartige unverzeihliche Bildungslücke verfügen, bitte ich Sie diese unverzüglich zu schließen!

Meine unwissenschaftliche aber exemplarisch untermauerte Theorie zu Vögelliedern dürfte dem diesen Blog geneigten Leser bekannt sein und somit auch, dass "Bird of Sorrow" mir ein weiteres Lächeln ins Gesicht zaubert. Bei "Talking With the Wolves" zeigt Glen, dass er im Gegensatz zu so manchem anderen Künstler auf Tour immer weiß, in welchem Land er sich gerade befindet, denn zum mit elektronischen Beats beginnenden Song skandiert er "Fahr'n fahr'n auf der Autobahn". Ok, kommt aus Düsseldorf, kann man aber 'nen Iren auch mal in Kölle durchgehen lassen.



Es folgen "The Moon" ein weiterer Song, den Hansard mit Marketa Irglova erschaffen hat und mit "Way Back In The Way Back When" eine knackige Blues-Nummer, von der ich gar nicht weiß, aus wessen Feder sie stammt, bei der Glen das dreckigste aus seiner Stimme herausholt, was sie zu bieten hat und das Publikum in den Refrain problemlos beimMitsingen einsteigen kann.

Als erfolgreicher Musiker darf man ja auch gerne mal für andere Musiker Songs schreiben und dabei helfen einen Soundtrack zu bestücken. Das nächste Stück verzierte den Soundtrack von "The Hunger Games" und in einer Version von Maroon 5 feat. Rozzi Crane, erklingt heute Abend aber durch den Mann, der den Song geschrieben hat.

Mit "Paying My Way" beginnt die Trinker-Runde. Glen erzählt, dass sein Vater - ein echter Ire halt - sehr gerne getrunken hat und dabei aber immer sehr stolz darauf war, dass er sich das eben auch leisten konnte. Glen, der wie sich später noch herausstellt, ebenfalls Trinkerqualitäten besitzt, widmet den Song seinen Vater. Sehr schöner Song, sehr emotionaler Moment.

Aber dann wird es schlimm! Der Song ist auch nur damit zu entschuldigen, dass er wie Hansard gesteht, nach einer ausufernden Zecherei entstanden ist. Ja, es handelt sich um das eingangs erwähnte grauenvolle "McCormack's Wall", das wie zu vermuten war, vom Publikum gefeiert wird, obwohl hier so offensichtlich mit grauenvollen Klischees gearbeitet wird. C. und ich sind übrigens der Ansicht, dass der Song vielleicht zu retten wäre, wenn man ihn der Politur berauben und im Stile der Pogues mit schiefem Gesang und ein paar schiefen Tönen am Klavier garnieren würde. Dann wäre es auch ein echtes Trinkerlied! Das tausendmal gehörte irische Geigen-Solo müsste aber auf jeden Fall ins Nirvana geschickt werden!



Es folgen weitere zwei Songs vom neuem Album. Das ganze Orchester spielt groß auf bei "Lowly Deserter", wobei vor allem die Bläsersektion exzellent hervorsticht. Der Mann mit der Posaune hat den Groove! Ein absolutes Highlight ist "Her Mercy", bei dem das Auditorium engelsgleich den Background-Chor gibt und spätestens jetzt der letzte Zuschauer verstanden hat, dass dieser Mann über unglaubliche Live-Qualitäten verfügt.

Die letzten Songs, bevor Hansard das reguläre Set beendet, aber natürlich noch nicht den Abend, sind "Didn't He Ramble", bei dem Glen, wenn ich mich Recht entsinne, einen kleinen The Pixies-Exkurs, der aber nur von den wenigsten erkannt wird, einbindet  und "The Gift", ein weiterer Song, den Hansard als Duett mit Marketa für das Disney Movie "The Odd Life of Timothy Green" geschrieben hat.



Der Zugabeteil bleibt genauso abwechslungsreich wie das Hauptprogramm. Es beginnt mit einer Coverversion eines weiteren großen irischen Musikers, "Astral Weeks" von Van Morrison aus dem Jahre 1968, das Hansard sehr wild interpretiert und man sich wundert, warum die Saiten an seiner Gitarre nicht reißen. Es folgt "Revelate" ein The Frames-Song von 1995 aus Glens bewegter musikalischer Vergangenheit. Dann erklingt der Song, auf den ALLE gewartet haben. "Falling Slowly" ist auch beim tausendsten Mal hören ein Song, der einfach unter die Haut geht und zu recht 2008 mit dem Oscar prämiert wurde.

Als nächstes kündigt Hansard den Song einer schwedischen Künstlerin an, El Perro del Mar, den er mit seiner Band wohl auf Tour in Schweden im Radio hörte und der wie Glen erzählt sofort bei allen ins Herz traf, weswegen sie anfingen, den Song zu üben und nun auch live darbieten können. "How Did We Forget?" ist eine sanft groovende und swingende Popnummer und klingt im Original noch etwas smoother als in der Version von Hansard und Band.

Dann finden sich die verlorenen Brüder wieder auf der Bühne ein, übernehmen das Micro, Glen zieht sich in den Hintergrund mit seiner Gitarre zurück und als 12-Mann-Orchester hören wir "Corrine Corrina" eine Coverversion von Bo Carter, die ich nicht kenne (aus 1928!) und wie C. richtig erläutert, unbedingt in meine Playlist Girlsongs wandern muss. Fulminantes Finale!



Aber, wer denkt dies wäre das Ende, sieht sich getäuscht, denn nun verlässt Glen mit seiner Gitarre die Bühne und kämpft sich durch bis zur Theke im Mittelteil der Halle. Entert diese in beeindruckender Leichtigkeit und steht somit ganze zwei Meter entfernt vor uns - näher werden wir einem Oscar-Preisträger wohl in unserem ganzen Leben nie wieder kommen. Aber es ist wahr, Glen spielt "Say it to me now" und ich sehe, dass das auf seiner Gitarre wie vermutet keine Verzierung ist, sondern ein veritables Loch und Abschabungen vom vielen Schrammeln. Was diese Gitarre wohl schon alles erlebt hat?

Wahrscheinlich verdammt viel, und wahrscheinlich war nicht selten Gitarrist Rob Bochnik  mit dabei, weswegen sich dieser nun auch noch auf den Tresen kämpft und die beiden gemeinsam, nach einer kleinen Schimpfattake gegen die wirklich viel zu laute Klimaanlage, den Interference-Song "Gold" vom Once-Soundtrack zum Besten geben. Welch erhabener Moment und nicht nur weil ich den Kopf stark in den Nacken legen muss!

Eigentlich schon im Himmel der Konzertseeligkeit angekommen, kämpfen sich die beiden Musiker, nachdem sich Glen zwei kurze Jägermeister gönnte, zurück auf die Bühne, um gemeinsam mit allen anwesenden Iren, den willigen Zuhörern und geneigten Mitsingern "The Auld Triangle" als krönenden Abschluss zu zelebrieren. Die Nummer wurde 1954 vom irischen Schriftsteller und Songwriter Dominic Behan für das von seinem Bruder geschriebene Theaterstück "The Quare Fellow" geschrieben und ist mittlerweile ein echtes Irish Traditionell geworden, was man an den frenetischen Gesängen der Heimatbewussten hören kann. Das Lied handelt von den Beschwernissen des Gefängnislebens und ich überlege, ob ich mir ein Kleeblatt tätowieren lasse, bevor ich mit meinen Jungs die nächste Männertour in Dublin verbringe. German Blood, Irish Heart!



SETLIST:

Just to Be the One
My Little Ruin
Winning Streak
Maybe Not Tonight
When Your Mind's Made Up
Bird of Sorrow
Talking With the Wolves
The Moon
Way Back In The Way Back When
Paying My Way
McCormack's Wall 
Lowly Deserter
Her Mercy 
Didn't He Ramble
This Gift

Zugabe:
Astral Weeks
Revelate
Falling Slowly 
How Did We Forget?
Corrine Corrina
Zweite Zugabe:
Say It to Me Now
Gold
The Auld Triangle






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