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Freitag, 14. November 2014

ARIEL PINK / Pom Pom

Schwierige Patienten erkennt man oft schon an den ersten Akkorden. ARIEL PINKs neues Album "Pom Pom" beginnt mit einem Song namens "Plastic Raincoats in the Pig Parade". Natürlich ist er wieder verpackt in der hohen Kunst des Low-Fi (das meine ich ernst) und neben allerlei Comicsounds verfügt er über eine veritable Kleinmädchenmelodie. So weit so gut.

Beim zweiten Song "White Freckles" assoziere ich russische Korsakentänze und bin ziemlich verstört, aber was soll man von "weißen Sommersprossen" auch sonst halten. Der nächste Song wartet mit einem bösartigen Beat auf und klingt wie die Vertonung eines Alptraumes, den man nie haben möchte, dazu eine Geisterorgel und Ariel auf den Spuren von Pink Floyd.

Nach drei Liedern ist klar, hier liegt ein schwerer Fall von Anti-Pop-Gebaren vor. Stellt sich nur die Frage, ist das Gebaren intuitiv, destruktiv oder latent agressiv? Kaum die Diagonse gestellt, verändert sich mit "Lipstick" die Verhaltensauffälligkeit des Patienten erneut. Klar erkennbare Popstrukturen, zwar billig produziert und verquert, aber in den Händen von Danger Mouse würde es wahrscheinlich ein TopTen-Hit für die Black Keys werden ;-). Ist etwa doch etwas Wahres daran, dass Ariel die ins Alter gekommene Popqueen Madonna mit Ideen befeuern soll? Liest du hier!

Bei "Not Enough Violence" liegt der Fall wieder klar auf der Hand. Patient Ariel hat die manische Phase hinter sich gebracht und fliegt nun über das Kuckucksnest direkt ins dunkle Loch der Depression. Klingt wie Sister of Mercy ohne Jim Steinmann im Tempel der Liebe oder New Model Army ohne Army.

So schnell wechselt sich der Zustand eines manisch-depressiven Patienten, gerade noch am Boden zerstört ist er bei "Put Your Number in My Phone" urplötzlich wieder gutgelaunt, verliebt und sammelt Telefonnummern für sein Handy. Wer verliebt ist, verbringt auch gerne mal eine ""One Summer Night"! Bei Herrn Ariel hört sich diese an, als würde eine Kassette mit A Flock of Seagulls-Songs, die zu lange in der Sonne gelegen hat auf einem Kinderkassettenrecorder, bei dem die Batterie kurz vor dem Tode steht, abgespielt. Verständlich?


Ariel Pink - Put Your Number In My Phone on MUZU.TV.

Nun geht es an den Strand. "Nude Beach A G-Go" klingt, als liege der Strand in einer Epoche, die bereits seit einigen Dekaden hinter uns liegt. Fifties, Sixties oder was auch immer. Danach wird gerockt! Die "Goth Bomb" schlägt mit schrillem Gitarrengewixe, direkt aus der Garage, auf die Zwölf. Ja, einfach und langweilig wird es mit Patient Ariel nie und es kommen noch 8 Songs!

Ganz sicher hat der Problempatient bei der Komposition des Liedes "Dinosaur Carebears"  im TV trashige Cartoons konsumiert und dabei rein pflanzliche marrokanische Produkte zu sich genommen. Liebe Kinder bitte nicht nachmachen! Welche Musikrichtung hatten wir noch nicht? Richtig, Reggae & Dub! Kann Herr Ariel natürlich auch, was er im selben Song ab 2:14 mit einem radikalen Bruch hin zum hyperrelaxtem SpaceDub beweist. Crazy little Thing called Ariel!

Hat man das Glück und das Doppelalbum als Vinylscheibe errungen, ist nun das Auflegen von Platte zwei gefragt und man hat etwas Zeit, um sich zu erholen ;-). Mit "Negativ Ed" geht es allerdings direkt wieder mit Vollgas in den kunterbunten schrillen überdrehten PsychedelicPunk-Bereich und die kurzfristige Atempause ist direkt wieder dahin. Aber vielleicht kann man sich ja bei sportlicher Betätigung wieder festigen? "Sexual Athletics" ist natürlich auch bekloppt, aber wer jetzt noch was anderes erwartet hat, ist selber schuld. Um dem Leser und momentanem Nichthörer ein virtuelles Bild im eigenen Kopf zu erzeugen, würde ich sagen, Ariel hat den perfekten Soundtrack für einen Porno aus den Siebzigern aufgenommen- also so mit unmengen Haaren am Körper und Blumen im Haar. Na, da gehen Ihre Kopfgedanken jetzt aber wirklich etwas weit!

Der Fernseher scheint auch beim nächsten Songwriting gelaufen zu sein, oder finde nur ich, dass "Jell-o" wie der Titeltrack zu einer albernen Sitcom sein könnte? Okay am Ende läuft der Song etwas aus dem Ruder, wahrscheinlich sollte die Medikation doch wieder etwas angepasst werden.


Ariel Pink - Black Ballerina (Audio) on MUZU.TV.

Nun tanzt die schwarze Ballerina. Schwarz bezogen auf die inneren oder äußeren Werte? Vielleicht verrät es Ariel beim nächsten Besuch auf der Couch oder aber Sie fragen Ihren Arzt oder Apotheker oder jemanden, der besser versteht, was der schwierige Patient bei "Black Ballerina" eigentlich besingt. Auf jeden Fall spielt die Geschichte in einem Stripclub und ein Großvater und ein Enkel sind auch mit von der Partie. Musikalisch kann man den Song vielleicht als LoFi-SpaceFunk einordnen, sounds like a Maxi-Single von Funkadelic auf 33 Umdrehungen.

Wieder eine ganz neue Komponente hat der Song "Picture Me Gone", nur wie lässt sie sich beschreiben? Kann sich der geneigte Leser vorstellen, wie Bombast-LoFi klingen könnte? Oder kennt er die ganz alten mit analogen Sythesizern gebastelten Sachen von Human League? Falls nicht, mal reinhören in "Reproduction" von 1979. Alternativ gehen sicher auch einge Songs von Gary Numan, aber bei beiden genannten Beispielen gilt, dass Ariel natürlich die Synthis eben so blubbern lässt, als wäre es eine prähistorische Aufnahme.

Und wieder ganz anders klingt der Song, wenn Ariel das Stück mit einem Chor interpretiert:



"Exile On Frog Street". Was man bei dem Songtitel erwartet, bekommt man auch. Alles! Vom melodiösen IndiePop bis zum Froschgequake! Vom Schafsgeblöke bis zum Märchenerzähler! Von der Opernsängerin bis zum Monumental-Filmsoundtrack! Der Patient scheint vom Wahnsinn verschlungen - was das Songende dramatisch unterlegt!

Wer die vorhergehenden 16 Songs tapfer weggesteckt hat, bekommt zur Belohnung zum Schluss mit "Dayzed Inn Daydreams" eine hochmelodiöse wunderbare Popnummer mit FlowerPower-Appeal serviert. Man, da hat der Ariel aber wieder was abgeliefert, was so weit vom Mainstream entfernt liegt wie Britney Spears vom guten Geschmack. Danke lieber Problem-Patient.



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