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Donnerstag, 24. August 2017

SHEER MAG / Need To Feel Your Love [Review]

70's Rock ist doch seit Jahrzehnten eigentlich mausetot! Das hören doch nur noch die Ewiggestrigen, die den Anschluss an das aktuelle Musikgeschehen seit Jahren verloren haben!

Dachte ich, aber 2014 formierte sich in Philadelphia eine Band namens SHEER MAG, deren Logo so aussieht, als seien sie 1972 gegründet worden. Die vier Herren des Quintetts tragen lange Haare wie es in den Siebzigern gang und gäbe war. Nur Frontfrau Tina Halladay bevorzugt ein eher punkiges Outfit.


Musikalisch spiegelt sich diese Diskrepanz ebenfalls wider, denn Sheer Mag spielen wie Punks, die sich im Vollrausch an einem Best-of-70s-ClassicRock-Album vergehen. Beim ersten Hören des Debütalbums "Need To Feel Your Love" dachte ich „What the F***????“ und drehte die Volume niedriger. Beim zweiten Durchhören dachte ich ganz schön funky und da steckt aber schon auch eine ordentliche Portion Ramones drin und beim dritten Durchlauf drehte ich lauter und stellte mir die Frage, wieso nicht früher jemand auf die Idee gekommen sei, Macho-Schweinerock mit Disco und Punk zu vermählen.

Ehrlicherweise muss man zugeben, dass die Kombination wahrscheinlich auch nur deswegen so gut funktioniert, weil Miss Halladay, die aussieht wie eine Schwester von Beth Ditto, eine richtig dreckige Röhre hat und die Produktion wie aus der Garage klingt. Also keine polierte Stimme und exzellent ausbalancierte Aufnahmen, sondern prähistorische Gitarrensoli im Punkrausch.

Das Album beginnt ganz grauenhaft! Bevor die Stimme einsetzt, denkt man eine Status Quo-Scheibe läuft etwas zu schnell, dann wenn sie einsetzt, denkt man an AC/DC ("TNT"), irgendwann kommt einem aber auch "Teenage Kicks" von The Undertones in den Sinn und am Ende sogar Hawkwind! Alles bei einem Song! Als wäre es nicht schon schlimm genug, wird dann auch noch ein Gitarrensolo abgefeuert und dazu Konzertjubel gemixt. "Meet Me In The Street" ist wirklich ein Opener, der es in sich hat!

Vollbremsung, Steuer rumreißen und ab in eine andere Richtung. "Need to Feel Your Love" beginnt mit einem funky 70er Groove, nicht so sauber und fett produziert wie ihn die hübschen Mädchen damals zum Tanzen bevorzugten, aber doch extrem tanzbar - da steckt schon auch eine Prise Gossip drin. Geben wir dem Kind einem Namen: DiscoFunk-PunkRock.



Der Song, der mich als erstes einfing, ist Song Nummer 3 des Albums: "Just Can't Get Enough". Wieder Riffs aus der Steinzeit der Rockmusik und ein jeden Gitarristen zur Selbstbefriedigung führendes Gitarrensolo - but I like it! Als gaaaanz kleiner Junge mochte ich auch Kiss total gerne und habe mich zu Karneval entsprechend maskiert - jetzt ist es raus!



Lange hat mir ein Album nicht mehr so viel Spaß bereitet! Beim Mitgröhler "Expect The Bayonet" kann man doch gar nicht miesepetrig sein oder schlägt mein nicht mehr ganz taufrisches Alter jetzt doch voll durch????

Riff auf Riff und Lick auf Lick geht es immer weiter! Bei "Rank And File" denk ich an juvenile Schlachten im Auto-Scooter gegen Typen in Jeansjacken mit Adlerflügeln auf dem Rücken.

Bei "Turn It Up" frag ich mich, ob der Schnäuzer auch irgendwann wieder den Weg aus der Nische zurück in den Mainstream findet. Hallelujah! Hook! Hook! Hook!



Geradezu virtuos eröffnet "Suffer Me", ehe ein Disco-Stomp einsetzt und Halladay das Ding dermaßen soulful rockt, dass man gar nicht mehr richtig ausmachen kann, was man da hört, aber was es auch ist, es ist gut. Gibt es eigentlich schon Sheer Mag-Patches für die Jeansjacke?

Die Discokugel dreht sich weiter bei "Pure Desire", das man schon zwischen den Nile Rodgers Hits "Good Times" und "Lost in Music" laufen lassen kann.

Vollbremsung, Steuer rumreißen und ab in eine andere Richtung. Country-Ballade? Auf jeden Fall ist "Until You Find The One" das ruhigste Stück des Albums.

Nur langsam wird wieder Fahrt aufgenommen. "Milk And Honey" ist mehr Pop als Rock, aber beim exzellenten "Can't Play It Cool" sind die Riffs wieder zurück und "(Say Goodbye To) Sophie Scholl" ist doch im Grundprinzip eine potentielle Hitnummer, oder?

"Need To Feel Your Love" lässt mich verstört, aber auch glücklich zurück. Wozu Musik doch alles in der Lage ist! Schöööööööön.

Tracklist:
01 Meet Me In The Street
02 Need to Feel Your Love
03 Just Can't Get Enough
04 Expect The Bayonet
05 Rank And File
06 Turn It Up
07 Suffer Me
08 Pure Desire
09 Until You Find The One
10 Milk And Honey
11 Can't Play It Cool
12 (Say Goodbye To) Sophie Scholl


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