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Freitag, 4. März 2016

THE HONEYMOON KILLERS / Les Tueurs de la Lune de Miel (1982)

HERZPLATTENREMEBER THAT OLD SHIT
Kategorie: New Wave / Punk / Experimental Rock
Veröffentlichung: 1982

 

1970 erschien der in schwarzweiß gedrehte Film The Honeymoon Killers, der sich auf die Serienmörder Martha Beck und Raymond Fernandez bezieht, die als The Lonely Heart Killers in die Kriminalgeschichte eingingen. Der Film war in den Kinos ein Flop, entwickelte sich aber im Laufe der Jahre zum Kultfilm.

1974 gründete sich in der belgischen Hauptstadt Brüssel eine chaotisch anarchistische Band namens Les Tueurs de la Lune de Miel (französisch für "The Honeymonn Killers"). Im Kern bestand die Ursprungsformation aus dem bildenden Künstler Yvon Vromman (Vocals, Gitarre, Saxofon),  J.F Jones Jacob (Schlagzeug), und Gérald Fenerberg (Gitarre). Bei Konzerten in Brüssel provozierte die Band mit experimentellen Sounds und warf dem Publikum auch schon mal rohes Fleisch vor die Füße. Das erste Album "Spécial Manubre" erschien 1977.

1980 stießen Marc Hollander (Keyboard, Saxofon), Vincent Kenis (Bass, Gitarre) von der Band Aksak Maboul und die als Model und Journalistin tätige Véronique Vincent zur Band und vervollständigten das Line-Up. 1982 erscheint das zweite Album der neuformierten Band, auf dem man sich nun THE HONEYMOON KILLERS nennt und dem Album den Titel "Les Tueurs de la Lune de Miel" gibt.

Das Album feiert große Erfolge in Belgien, Deutschland, Frankreich und England, wo es die Band sogar auf das Cover des NME schafft, fotografiert von nimandem geringeren als Anton Corbijn . In Deutschland schreibt der Musikexpress: "Die Honeymoon Killers zu überhören, ist ein untrügliches Symptom für musikalischen Tiefschlaf!" und der Spiegel meint: "Dass in Brüssel mit Witz, bösartig-aggressiver Ironie und brillanten Kompositionseinfällen Musik gemacht wird, die fast alles in den Schatten stellt, was derzeit unter dem Etikett ‚Neue Deutsche Welle‘ ideenarm dahinplätschert, werden ab kommenden Montag die Honeymoon Killers in der Bundesrepublik vorführen. Das Brüsseler Sextett … präsentiert eine hinterhältig-vergnügliche Mixtur aus französischem Plastik-Pop, Chanson-Nostalgie und scharfem Rock mit Jazz-Einschlag"



Den Türoffner zum Erfolg spielt ausgerechnet der harmloseste Song des Albums "Route Nationale 7", eine Coverversion des französischen Sängers Charles Trenet, dabei hat das Album mit Songs wie dem klar am New Wave angelehnten "J4", den an die frühen B-52's erinnernden "Flat" oder dem in ein Ska-Nummer verwandelten  Serge Gainsbourg-Cover "Laisse Tomber Les Filles" zahlreiche großartig verrückte Nummern zu bieten. Auch heute noch versprühen die mit einfachen Mitteln und billigen Sounds gebastelten energiegeladenen Songs einen Charme, der verstehen lässt, weswegen das Album vom belgischen Rockmagazin Mofo zum besten belgischen Rockalbum aller Zeiten gewählt wurde und es auch 2008 noch von der Zeitung Le Vif / L'Express in der TopTen der besten belgischen Alben gelistet wird.



Nach dem großen Erfolg geht es für die Honeymonn Killers allerdings steil bergab. Man veröffentlicht 1983 noch eine EP namens "Subtiteld Remix", aber bereits
1985 an den Arbeiten zum Album "Ex-Futur Album" zerbricht die Band an internen Streitereien, so dass der Nachfolger des Erfolgsalbums nie fertiggestellt wird. Bandleader und Songschreiber Yvon Vromman stirbt auf tragische Weise im September1989.



Am 25. März dieses Jahres wird das Album nun vom Label Crammed Disc, welches vom Ex-Bandmitglied Marc Hollander noch heute betrieben wird, auf CD und Vinyl, ausgestattet mit 8 (!) Bonusstücken, wiederaufgelegt. Zu den Bonustiteln zählen die Songs der "Subtitled Remix"-EP und fünf Live-Stücke.

Menschen, die entweder so alt sind, dass sie noch wissen, wer die Flying Lizards oder Captain Beefheart waren oder aber einfach Menschen mit gutem und/oder ungewöhnlichem Musikgeschmack sei diese Wiederauflage eines Meilensteins der Rockmusik wärmstens empfohlen.


Tracklist:
01 Flat
02 Histoire A Suivre
03 Decollage
04 Rush
05 Fonce A Mort
06 J4
07 Route Nationale 7 [Charles Trenet-Cover]
08 Ariane09 Laisse Tomber Les Filles [Serge Gainsbourg-Cover]
10 L'heure Da La Sortie (Subtitled Mix) [Carrère/Plante]11 Wait And See *
12 The Lady And The Pig-Man *
13 A Deep Space Romance *14 Petit Matin **
15 Thank You Mr Gb **
16 A.T.A. **17 Alluvions **18 Truc Turc **

*[Subtitled Remix EP]
**
[Live with Aksak Maboul]

Mittwoch, 2. März 2016

BRYONY WILLIAMS / Wanderlust [EP]

Wie definiert sich "schön"? 

Der Duden spricht in seinen verschiedenen Deutungen von "schön ist, wenn etwas in seiner Art besonders reizvoll, ansprechend, sehr angenehm oder wohltuend auf das Auge oder Ohr wirkt.", aber auch "von einer Art, die jemandem sehr gut gefällt, die jemandes Geschmackes entspricht".


Und im letzten Abschnitt liegt der Hund begraben. Der Geschmack!

Geschmack hat man oder man hat ihn eben nicht. Ist das so? Aber kann sich Geschmack nicht auch ändern? Früher, in meiner Sturm-und-Drang-Phase, konnte man mich mit Folk & Country verjagen und Jazz war etwas für alte intellektuelle Säcke. Beruht Geschmack also vielleicht hauptsächlich auf Erfahrungen?

Ganz sicher tut er das, aber es gibt auch Dinge, die ich schon immer schön fand, und auch heute noch schön finde. Nehmen wir zum Beispiel die Musik der 19-jährigen Singer/Songwriterin BRYONY WILLIAMS. Ich bin mir absolut sicher, dass die Musik, welche die aus den englischen Midlands stammende Sängerin auf ihrer Debüt EP "Wanderlust" präsentiert, mich auch als Jüngling, mit einigen Haaren mehr und einigen Kilos weniger, fasziniert hätte. Warum? Weil, Bryony sehr virtuos Slowcore mit Grunge und Americana verknüpft und ein ausgesprochenes Händchen für klassische Melodieführung hat. Oder anders, diese junge Dame kann Songwriting!

Ähnlich wie Courtney Barnett auf ihrem letztjährigen Meisterwerk "Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit" ist es der feinfühlige Umgang mit Elementen aus Grunge und Folk der Williams Songs auszeichnet. Bestes Beispiel: "Frequency". Der große Unterschied zwischen den beiden Künstlerinnen liegt aber in den völlig unterschiedlichen Stimmen, denn während Barnett einen Gesangsstil einsetzt, der hart und abgehackt klingt, bleibt Bryony immer sanft und zurückhaltend - engelsgleich. Die Stimme der Engländerin ist in ähnlichen Sphären angesiedelt, in der sich auch die verehrungswürdige Hope Sandoval aufhält.



"Table Mountain" spielt mit psychedelischen Untertönen, ist aber eigentlich eine verträumte IndieFolk-Pop-Nummer, die durch unerwartete kleine Breaks besticht und neben der eigentlich lieblichen Führungsmelodie durchaus auch rockige Elemente in sich trägt. Wieder in eine andere Richtung geht "Stargaze". Das sehr atmosphärisch angelegte Stück, ist feinster Slowcore, der am Anfang und Ende mit Noise à la Sonic Youth kokettiert. Die letzten beiden Stücke, das folkige "Grindstone" und das düstere gespenstische "Hidden" sind etwas weniger spektakulär, zeigen aber ebenso eindrucksvoll, dass diese junge Britin einfach eine verdammt gute Sängerin ist, die sich eindeutig auf dem richtigen Weg befindet, um ihr Fernweh um das sich die EP thematisch dreht, bald auf Tourneen durch andere Länder gestillt zu bekommen.

Und nicht vergessen: Gute Musik erkennt man am Geschmack!

Tracklist:
01 Frequency  
02 Table Mountain  
03 Stargaze  
04 Grindstone  
05 Hidden

Dienstag, 1. März 2016

WELLNESS / Immer Immer

Eigentlich ist Köln nicht wirklich für innovative neue Sounds bekannt, außer natürlich im Bereich elektronischer Musik, aber nun gibt es etwas wirklich Frisches aus der Domstadt, denn WELLNESS bringen auf ihrem Debütalbum „Immer Immer“ Western-Surf-Sound und intelligente deutsche Texte unter einen Hut - und Gott sei Dank, sie singen nicht auf kölsch!


2014 wurde die Band gegründet. Anfang 2015 folgte die erste, drei Songs starke EP „Exit Exit“, die ja auch auf diesem Blog schon wohlwollende Erwähnung fand (s. Rezension).

Der Longplayer "Immer Immer" enthält nun satte 13 Stücke, darunter auch alle Songs der EP, und auch in dieser Songanzahl, ich hatte ja Sorge, dass das Konzept nicht über mehrere Songs trägt, gelingt es den Kölnern Matthias Albert (Gesang, Gitarre), Lars Germann (Gitarre), Simon Armbruster (Bass) und Florian Bonn (Schlagzeug), dass ich mich beim x-ten Mal Durchhören nicht langeweile, sondern der Spaßfaktor sogar von Mal zu Mal wächst.

Wie es sich für das in den frühen 60er Jahren in Kalifornien enstandene Surfmusik-Genre gehört, trägt häufig ein relativ simpler Beat die Melodie, die Gitarren lieben den Twang und das zackige Tremolo, so wie man es von Helden aus den Anfangstagen dieser Stilrichtung wie Duane Eddy, The Champs oder The Surfaris kennt.



Ungewöhnlich ist, dass Wellness den Sound mit Western-Flair schwängern und es schaffen, deutsche Worte zu diesen uramerikanischen Klängen zu finden, die nicht an Schlagerversionen von US-Hits aus den 60er erinnern - und selbst, wenn wie bei "Mirabelle" trotzdem kein Fremschämgefühl bei mir ausglöst wird. Anders ausgedrückt könnte man einfach auch sagen, die vier Herren haben Stil!

Es ist schwer auf "Immer Immer" irgendwelche Song-Highlights herauszupicken, denn bei jedem neuen Hördurchlauf gefällt mir ein anderes Stück am besten und wie der geneigte Vinyljunkie und Musikfreund weiß, ist dies immer immer ein gutes Zeichen für die Haltbarkeit eines Albums. Versuchen wir trotzdem die besonderen Perlen vom Merresgrund zu heben.

Natürlich als erstes "Exit Exit". Der Song klebt mir jetzt schon seit Monaten im Ohr, so schlimm, dass ich bei jedem Notausgang-Schild anfange den Refrain zu singen.



Zweitens "Was du denkst". Schon lange hat kein deutscher Musiker mehr so schön über "denken" nachgedacht und vielleicht können jetzt Millionen Männer schmunzeln, wenn ihre Frau fragt "Was denkst du gerade?" Und Sonderbonuspunkte gibt es natürlich für die nudeldicke Dirn!



Drittens "Duell". Surfbrett auf den Rücken geschnallt, Pferd gesattelt und auf zum Showdown im Irgendwo, um Wut gegen Faszination zu tauschen.

Viertens "Endlich Endlos". Hier wird der Bier- zum Whiskytrinker. Melancholisch und wütend zugleich geht eigentlich schwer zusammen - klappt hier aber vorzüglich.

Fünftens "Mirabelle". So fluffig und frühlingshaft, dass man sogar zu dieser Jahreszeit die Fenster öffnen will  - selbst in dieser stinkenden Stadt. Die meinen doch nicht etwa Köln???

Und sechstens "Amnesie", weil die Gitarren auch mal richtig rocken -

Soll der Bandname eigentlich eine Art von Wortspiel mit "Welle" wegen Surf-Sound und so sein? Will jetzt sofort wissen, wie ihr auf den seltsamen Bandnamen gekommen seid. Als kleines Dankeschön dafür, dass ich nicht der 1000te bin, der euren Sound mit einem derzeit ziemlich angesagten Filmemacher, mit den Initialen QT, verbindet?


Tracklist:
01 Bazooka
02 Exit Exit
03 Was Du denkst
04 Aloha Arne
05 Duell
06 Besucher
07 Endlich Endlos
08 Mirabelle
09 Calamari
10 Heiße Liebe
11 Amnestie
12 Transmitter
13 Müdes Licht