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Donnerstag, 1. Dezember 2016

A TRIBE CALLED QUEST / We got it from Here ... Thank You 4 Your service [LP]

Im März dieses Jahres war ich zum ersten Mal in New York. Eine beeindruckende Stadt, in der ich  natürlich auch den ein oder anderen Plattenladen aufsuchen musste. Am 22. März war ich auf der Suche nach dem Rough Trade Plattenladen in Brooklyn. Kurz vorher hatte ich erfahren, dass der amerikanische Rapper Phife Dawg von meiner Favourite-Rap-Gruppe,  A TRIBE CALLED QUEST,  an seinem Diabetesleiden gestorben war.


Ich war bereits ganz in der Nähe der 9th Street, als ich fette Beats vernahm die ich sofort dem legendären Rap-Album "People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm" aus dem Jahre zuordnen konnte. Ich folgte den Klängen und stand wenig später vor dem Himmelreich auf Erden in dessen Eingang ein großer Stand mit den Werken von A Tribe Called Quest aufgebaut war um den verstorbenen Helden, der in dieser Stadt seine Heimat hatte, zu ehren.



An diese Begebenheit musste ich natürlich sofort denken als nun, 18 Jahre nach der letzten Albumveröffentlichung von ATCQ ("The Love Movement", 1998), ziemlich unverhofft ein neues Album erschien.

Als Erstes staunte ich über die Gästeliste:  André 3000, Kendrick Lamar, Jack White, Elton John, Kanye West, Anderson Paak, Talib Kweli, sowie die alten Weggefährten Consequence und Schnellrapper Busta Rhymes. Dann las ich über das Album, dass es kein Schnellschuss nach Phife Dawgs Ableben ist um noch mal Kohle zu machen, sondern dass auf "We got it from Here ... Thank You 4 Your service" Beiträge des acht Monate vorher verstorbenen enthalten sind und die Arbeiten an dem Album bereits im Herbst 2015 begannen. Gott sei Dank, negative Beispiele für grausame Alterswerke von in die Jahre gekommenen Rap-Heroen gibt es ja wahrlich genug.

Der Zeitpunkt für den Release des Albums in den USA war wohl gewählt (9/11) und in diesen politisch unruhigen Zeiten ein wichtiges Statement einer Band die schon immer politische Statements in ihre Musik einfließen lies. Auf "We got it from Here ... Thank You 4 Your service" nehmen ATCQ wie immer kein Blatt vor dem Mund. Sie fordern auf, jetzt erst recht, noch enger zusammenzurücken und die Werte der offenen Gesellschaft zu verteidigen ("The Space Program"). Humanismus mit dem unnachahmlichen smoothen ATCQ-Flow, wie ihn nicht nur Amerika unter Trump, sondern die ganze Welt im Moment gut gebrauchen kann. Und musikalisch wird im Opener "The Space Program" auch gleich klargestellt, dass man sich auf der Höhe der Zeit befindet, die Reminiszenzen an neue Helden liegen offen, die Arrangements sind minimalistisch und nichts klingt nach einem schalen Aufguss aus vergangenen Zeiten.

Schier unglaublich, dass der Song "We The People ..." der die Abschiebungspolitik des designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten unter die Lupe nimmt bereits im Herbst 2015 aufgenommen wurde: "All you Black folks, you must go. All you Mexicans, you must go/And all you poor folks, you must go. Muslims and gays, boy we hate your ways. So all you bad folk, you must go.".



Nach diesen beiden die Fronten klärenden ersten Songs darf als Gast der wortgewaltige Consequence bei "Whateva Will Be" als Erstes ans Mikro. Das ist HipHop! Die Worte fädeln sich elegant am Flow entlang, der leicht scheppernde Groove ist unwiderstehlich und die Botschaft ist explizit ohne diese Kennzeichnung wegen irgendwelcher frauenfeindlicher Ausdrücke zu erhalten und keine Spur von dem im Genre reichlich überstrapaziertem Autotune-Effekt oder gar RNB-Weichmacher Ingredienzien.

Bei "Solid Wall of Sound" ist der Titel Programm. Busta reimt über melancholisch perlende Klavierklänge, die Sir Elton John anstimmt und der seltsame Flow des Tracks scheint wirklich aus unzähligen Schichten zu bestehen. Das ist nicht nur nicht altbacken, sondern innovativ! Jazzig und ähnlich vielschichtig, ebenfalls mit Busta am Mic und einem herrlichen Musical Youth-Sample, fließt das Album weiter zu "Dis Generation" wo sich der Tribe vor der neuen HipHop-Generation verneigt.

Auftritt André 3000 bei "Kids ...". Der Mann, der mit Outkast selber HipHop-Geschichte schrieb, hält sich vornehm zurück und ordnet sich dem hektischen Beat und dem Rap-Partner Q-Tip unter und das ist gut so. "Melatonin" ist die rhythmischste Nummer des Albums und hat mich, was bei ATCQ-Songs meist nicht der Fall ist, sofort in ihren Bann gezogen. Als Gastsänger fügen sich die englische Singer/Songwriterin Marsha Ambrosius und Abbey Smith nahtlos ein. Jack Whites Gitarrenspiel flankiert den Groove und darf kleine bezaubernde Soloausflüge unternehmen. Gigantische Nummer!

Nach dem musikalisch eher unauffälligem "Enough!", folgt mit "Mobius" ein Track, der mich durch die Instrumentierung und Düsternis welche er transportiert stark an Mobb Deep erinnert und einen exzellent Part enthält bei dem Busta Rhymes schimpf wie ein Rohrspatz.

Welch feines Händchen Q-Tip für Samples hat beweist "Black Spasmodic". Der Song, in welchem er seinem verstorbenen Freund Phife Dawg in einer Strophe ehrt, klingt zwar mehr nach De La Soul als nach ATCQ, passt sich aber selbstverständlich trotzdem sehr geschmeidig in den unwiderstehlichen Flow des Albums.

Nach dieser doch recht fröhlichen Nummer wird es mit "The Killing Season" wieder deutlich nachdenklicher. Das Mic teilen sich Talib und Kanye in tödlichen Zeiten, ehe das atmosphärische "Lost Somebody" mit einem Can-Sample versehen und der souligen Stimme von Katia Cadet im Chorus für einen weiteren Gänsehautmoment sorgt.



Nach 12 Songs noch kein Lückenfüller, nur eine kleine Delle mit "Enough!" und die letzten vier Songs des Doppelalbums haben es noch mal gehörig in sind. "Movin Backwards" verbindet den emotionalen Soul von Anderson Paak. mit Jazz mit HipHop und mit viel Liebe zum Detail. Bei "Conrad Tokyo" rappt Phifes zusammen mit Kendrick Lamar, das Piano perlt und die Orgel schwebt im Weltraum. Das "Ego" spricht für sich: "I got one, you got one, and now we equal. Sometimes it makes you trip out on your people. Sometimes it has connotations of evil. Sometimes niggas call on it when they need to, It's called the ego".

Der krönende Abschluss, bei dem man den Eindruck hat, als wären alle Zutaten des Albums zu einem Song destilliert worden, ist "The Donald". Bei dem Song geht es nicht um den gefürchtetsten Donald der Welt, sondern um Phife Dawg der im wirklichen Leben Malik Izaak Taylor hieß, aber auch unter dem Pseudonym Don Juice agierte. Möge er in Frieden ruhen - seine Buddys haben ihm ein würdiges Denkmal zum Abschied gesetzt. Phife Dawg ist Tod, aber der Tribe lebt für immer in seinem Nachlass!

Tracklist:
01 The Space Program
02 We The People ...
03 Whateva Will Be
04 Solid Wall of Sound
05 Dis Generation
06 Kids ...
07 Melatonin
08 Enough!!
09 Mobius
10 Black Spasmodic
11 The Killing Season
12 Lost Somebody
13 Movin Backwards
14 Conrad Tokyo
15 Ego
16 The Donald



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