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Mittwoch, 9. Juli 2014

SLEAFORD MODS / Divide and Exit

1988 verfilmte Oliver Stone unter dem Filmtitel "Talk Radio" das Buch "Talked To Death: The Life and Murder of Alan Berg" von Stephan Singular. Ein großartiger Film, in dem es darum geht, dass ein Radio-Moderator einer nächtlichen Talk-Sendung mit höchst unterschiedlichen Anrufern etwas andersartig kommuniziert.

Alle, die jetzt an Domian auf 1Live denken, sind im richtigen Formatbereich, liegen jedoch völlig daneben, denn Barry Champlain, so der Name des Moderators im Film, ist kein verständnisvoller und helfender Zuhörer, sondern ein bösartiger Provokateur, der mit expliziter Sprache das prüde und gerne politisch korrekte Amerika (in Form der Anrufer) aufs Kreuz legt.

Im Lexikon des internationalen Films steht über "Talk Radio": „ Der Film zeichne ein düsteres Bild einer Medienwelt, in der Kommunikation zur Konfrontation verkommen ist“. Einerseits zeigt der Film die vom Filmlexikon beschriebene Problematik einer Kommunikation, die ausschließlich auf Angriff ausgerichtet ist, andererseits zeigt er aber eben auch die Möglichkeiten dieser Art der Verständigung. Wie so oft ist die richtige Dosis das entscheidende Kriterium und was die richtige Dosis ist, scheint auch der Hauptstreitpunkt bei der Beurteilung der neuen schon nicht mehr ganz taufrischen zweiten Platte der SLEAFORD MODS.



Das aus zwei hässlichen Engländern bestehende Duo, das Moralapostel und Sittenwächter gleichermaßen wie open-minded Hörer gegen sich aufbringt, stammt aus der Nähe von Nottingham. Beide Herren haben die Vierzig bereits überschritten und den Hals so voll, dass sie ihre Wut, garniert mit technoiden HipHop-LoFi-Punk-Beats, der Welt - speziell dem britischen Empire - vor die Füße kotzen. Die Schimpfwortdichte ist verfickt hoch und der Umgang mit Wörtern von der Index-Liste ist äußerst kreativ. Man könnte die Sleaford Mods eigentlich als Misanthropen bezeichnen, aber der Begriff greift nicht weit genug, denn auch vor Hunden ("Corgi") macht die Band nicht halt.



Die Idee zu seiner Band erklärte Jason Williamson (laut einem Artikel der Welt) entsprang einer existenziellen Unzufriedenheit mit dem Leben, der Arbeit, Alkohol und den Drogen. Die Idee ist spätestens seit der Einführung des Punks in die Musik nicht neu, aber die Radikalität und zeitgenössische Umsetzung ihrer Musik (The Streets meets The Fall and Joy Divison) dreht das Rad doch ein Stückchen weiter und hat damit zu Recht Aufmerksamkeit verdient.

Mir persönlich, der ich auch dazu neige, Dinge lieber explizit auszusprechen als diplomatisch darum herum zu schwafeln, bereiten die düsternen Beats, die Andrew Fearn in einem formal verdammt eng gefassten Rahmen - sprich ziemlich monton - aus seinem Laptop zaubert und die Schimpftiraden (wunderbar dieser schaurige Midlands-Akzent) von Williamson jedenfalls höllisches Vergnügen, ohne dass ich daran glaube, dass das britische Empire am Fronatalangriff des Middle-Age-Duos zerbricht.

Kleine Bedienungsanleitung:

1. "Air Conditioning": Kippe anzünden.

2. "Tied Up in Nottz": Lost in Nottingham: "I got an arm full of decent tunes, mate, but it’s all so fucking boring."



3. "A Little Ditty": Kleines Liedchen über den Scheiß, den die beiden auskotzen.

4. "You're Brave": Spätestens jetzt eine warme beschissene Dose Bier öffnen.

5. "Strike Force": Rülps!

6. "The Corgi": Tod der Lieblingshunderasse der Queen!



7. "From Rags to Richards": Siebte Kippe anzünden und überlegen, ob England so ganz anders ist als "Good old fucking Germany".

8. "Liveable Shit":  It's raining piss and shit - Vol. I

9. "Under the Plastic and N.C.T.": Die Welt ist schlecht!

10. "Tiswas": http://en.wikipedia.org/wiki/Tiswas

11. "Keep Out of It": It's raining piss and shit - Vol. II

12. "Smithy": Witziges, äääh böses Lied, für Modedesigner Paul Smiths. "Sir Paul, you can find inspiration in everything. The recyclable black bins of dog shit an angel sings."

13. "Middle Men": Wann holt der gute Mann eigentlich mal Luft? Beim Rauchen!

14. "Tweet Tweet Tweet": Fuck you Blogger, Facebooker and Tweeter! "All you zombies, tweet tweet tweet"

Pflichtsongs aus dem Back-Katalog: "Jolly F_cker", "The Cherry Tree", "Chaos down in Soho", "Fizzy", "Donkey" and "Jobseeker"!





Und immer daran denken, Hunde, die bellen, beißen nicht ;-).



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