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Montag, 28. Juli 2014

NINO AUS WIEN / Träume (LP) + Bäume (LP)

Dass ich einen gewissen Hang zur österreichischen Musikszene habe, dürfte man bei so einigen Artikeln auf diesem Blog ja schon herausgehört haben. So bleibt für mich beispielsweise auch nach oder gerade wegen des streitbaren "Libertatia"-Albums Ja, Panik  die zur Zeit wichtigste deutschsprachige Band. Warum?

Weil es wunderbar ist, wie die Österreicher und die Wiener im besonderen mit der deutschen Sprache umgehen, wie Gefühle perfekt durch Wortgebilde vermittelt werden, ohne in Peinlichkeiten zu verfallen, ohne mit Worten plump zu meißeln, so wie man es leider aus der deutschen Schlager- und HipHop-Branche zu Genüge kennt.

Ein gewisser Nino Ernst Mandl, geboren 1987 in der österreichischen Hauptstadt, der dementsprechend als NINO AUS WIEN musiziert, schickt sich nun an, den Thron für das beste deutschsprachige Album des Jahres 2014 zu erklimmen. Und dabei ist seine größte Konkurrenz er selbst, denn Nino veröffentlichte auf dem Independent-Label Problembär Records gleich zwei grandiose Alben.

"BÄUME" ist das etwas ruhigere und wenn man so will reifere Werk, welches man sicher auch als Ninos Album für seine Heimatstadt bezeichnen kann. Musikalische Einflüsse von Bob Dylan oder Bonnie Prince Billy lassen sich heraushören und wie der Nino mit Worten umgeht, lässt darauf schließen, dass die Freundschaft zu Ja, Panik ebenfalls Einfluss auf sein Schaffen hat.'

By the Way: Sehr charmant anzusehen und zu hören ist der gemeinsame Auftritt von Andreas Spechtl und Nino Mandl, mutmaßlich in einer Buchhandlung in Wien, wo sich die beiden nicht ganz perfekt durch das fabelhaft "Nevermind" äääh wurschteln.



"Bäume" beginnt mit der countryesken Ballade "Um noch was zu beweisen". Nino beweist, wie man mit einfachsten musikalischen Mitteln Geschichten erzählt und Emotionen transportiert. Eine wunderbare melancholische persönliche Rückschau, die den Zuhörer verzaubert und - zumindest bei mir - dazu führt Gedanken in die eigene Vergangenheit schweifen zu lassen und zu reflektieren. Music works!

"2004" gibt sich etwas rockiger und versprüht Wiener Lokalkolorit, das für Nicht-Wiener sicher nicht so viel hergibt wie für Bewohner oder Kenner der österreichischen Kulturmetropole.

"Spiegelbild", ein BluesShanty vom Akkordeon getragen, klingt als säße Nino in einer Kneipe in einer Stadt am Meer. Es ist spät in der Nacht und Sven Regener sitzt alleine am Tisch und lauscht wohlwollend dem Barden aus Wien. Schon erstaunlich, was für ein Kopfkino der Nino bei mir auslöst ;-)

Der Song "Am heissesten Tag des Sommers" ist kein gewöhnlicher Gute-Laune-Sommersong wie man vielleicht vermuten könnte, sondern eigentlich eine versteckte Hommage an den Herbst. Wie alle Songs auf  "Bäume" ist auch "Am heissesten Tag des Sommers" spärlich instrumentiert: Ein dumpfer Klopfrythmus begleitet die akkustische Gitarre, über die Nino stakkatoartig spricht.

"Instrumental" ist eine geigenverhangene melodische Ballade, bei der erneut das Akkordeon zum Einsatz kommt. In den Strophen, ja es wird gesungen auf "Instrumental", zeigt sich wieder, dass Ninos Texte zwar Geschichten erzählen, aber nicht explizit und ausformuliert, sondern eher skizzenhaft, wie eine Sammlung loser Notizen. Wahrscheinlich ist genau dies der Punkt, nämlich die Möglichkeit der eigenen Zusammensetzung der Notizen zu einer dann eigenen "Geschichte", der die Denkmaschine beim Zuhörer unweigerlich anwirft und schlussendlich mit der eigenen Gefühlswelt so verknüpft, dass Ninos eigentlich sehr persönliche Songs den Einzelnen so berühren.

Die "Wiener Melange" kann man sich durchaus auch als Spechtl-Song vorstellen, die Gitarre darf nun auch mal elektrischWeinen und unterschwellig schwingt in den Zeilen über Wien und Angst auch Wut mit.

"Davids Schlafplatz" ist ähnlich instrumentiert wie "Instrumental", aber noch viel viel trauriger. Ergreifend traurig! Schöööön traurig ... und am Ende siegt die Zeit! Wie es zum Titel des Songs kam erklärt Nino sehr schön beim nachfolgenden Live-Auftritt:



"Unterteilt in Kategorien" ist ein appetitliches Gedicht mit Kakophonie als Beilage. Witzig!

"Bäume" klingt wie eine Fortsetzung von Ja, Paniks "Nevermind", was eigentlich schon alles über die Qualität dieses über 7 Minuten langen Songs aussagt. Einer meiner Lieblingssongs auf "Bäume", gespickt mit Sätzen aus denen einiges an Erfahrung spricht und zugleich ein Liebeslied ohne Plattitüden.



Den Abschluss der "Bäume"-Platte macht "Jena", das mutmaßlich traurigste deutschsprachige Lied des Jahres.

"TRÄUME" ist das schelmische Album, musikalisch und textlich immer mit einem zwinkernden Auge und die E-Gitarre, die auf "Bäume" nur ganz selten zum Zuge kommt, schlägt hier zurück.

Wunderbar der Einstieg mit dem "Tobacco Lied", erst singt Nino auf englisch wie der kleine Bruder von Tom Waits und Nick Cave, dann wechselt er zur deutschen Sprache und dann macht die Nummer auch noch einen unerwarteten Schlenker und klingt wie ein Song aus einem Monty Python-Film. „We know about the risk, we know about it all. But we are so in love with this." Es lebe das Laster!

Mit unnahbaren, sprich coolen Personen scheint Nino aus Wien auch so seine Erfahrungen gesammelt zu haben. Erfahrung Nummer 1 wird in "Diese Person ist cool" zu schrammeligen Gitarren serviert. Erfahrung Nummer 2 als Song Nummer 5 auf "Träume" im charmant witzigen und sehr poppigen "Abtauen Girl". Billy Joel lässt grüßen ;-)! Zuu Cool!





 "Mein Tod" erinnert in den anfänglichen Passagen vom Rhythmus an "Three is the magic Number" von Bob Dorough und beinhaltet neben nachdenklichen Textpassagen auch ein humoriges, wohl aber auch realistisches Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn.

"Die allerbeste Sängerin" lässt Nino zum verliebten Stalker mutieren. Brillant wie Nino zur E-Gitarre den klassischen weiblichen Operngesang integriert und das Gitarrensolo ist einfach erste Sahne. Schade, dass die Live-Version ohne den Arien-Gesang auskommen muss:




Sehr relaxt, auch irgendwie volkstümlich - aber trotzdem gut - klingt "In der Hütte vor dem Haus". Im Gegensatz dazu steht das nachfolgende knackige "Graz bei Nacht", bei dem man sich vorstellen kann, dass bei Live-Auftritten der ein oder andere ein Pogo-Tänzchen wagt - nicht nur in Graz.

Das schelmischste Stück auf "Träume" ist "Oh wie glücklich und wunderschön mein Leben ist", eindeutige SixtiesPop-Reminiszenzen mit viel OhOhOh und ShaLaLaLa. Hat was vom ebenfalls grandiosen Bernd Begemann.

"Anna Maria Morett" passt eigentlich mit seiner verhangenen Melancholie besser auf "Bäume". Wer die Dame ist, entzieht sich meiner Kenntnis, auch Tante Google konnte mir da nicht weiterhelfen, es scheint aber eine äußerst interessante Person zu sein. Weitere interessante Personen wie Nina, Tina, Martin, Susi, Daisy, Klara und Klaus lernt man in "Grant" kennen, wo Nino a bisserl mit dem Alltag und zwischenmenschlichen Beziehungen grantelt.



Den krönenden Abschluss des Albums "Träume" bildet der Doppelsong "Fantasy Dreamz / Mexico". Ganz in Ja, Panik-Manier wird im ersten Teil "Fantasy Dreamz" Deutsch und Englisch in diesem Jam-artigen, psychedelischen, nicht enden wollenden Monstersong über etwas mehr als 5 Minuten gesprochen, gesungen und verwoben. Prall! Dann herrschen knapp 5 Minuten absolute Stille, bevor man in "Mexico" ankommt  - wo es übrigens auch mehr nach Jam als nach Song riecht.

Man kann sich schwerlich festlegen, welches Album nun das bessere ist, und das sollte man eigentlich auch gar nicht, denn sowohl "BÄUME" als auch "TRÄUME" sind Alben, die wie Bäume und Träume wachsen und wachsen. Das Einzige, was ich mir jetzt noch wünsche ist, dass Nino die Grenzen seines Heimatlandes mal wieder hinter sich lässt und die beiden formidablen Singer/Songwriter-Alben in Deutschland zum besten gibt. Hope to see - and hear you!




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