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Freitag, 8. April 2016

THE BURNING HELL / Public Library

2015 schafften es Ariel Sharrat & Mathias Kom, und damit zwei Fünftel der Band THE BURNING HELL, mit ihrem Album "Don't believe the Hyperreal" in meine Jahrescharts auf Rang 81. Mein Lieblingsong aus diesem entzückenden Album war "Fuck The Government, I Love You".


Auf dem neuen Album "Public Libary" des kanadischen Quintetts gibt es nun ein Wiederhören mit eben diesem Lied. "Public Library" ist vertonte Prosa und trägt den Albumtitel absolut zu Recht. Ein Buch aus Musik mit Kurzgeschichten aus den unterschiedlichsten Literaturgattungen.

Die erste Kurzgeschichte "The Stranger" widmet sich dem Krimi-Genre. Ein schwarzgekleideter Fremder und eine in Netzstrümpfe gewandete Dame bitten in einem verschlafenen Nest in einer nasskalten Winternacht um Unterkunft für eine Nacht. Was die beiden dann erzählen ist unerwartet kurios, um nicht zu sagen fantastisch, weshalb ich, um nicht zu viel zu verraten, nur ein paar Stichpunkte zum Inhalt aufzähle: Faschingsdienstag - Ahornsirup - Liebe - Flucht - Tod. Musikalisch wird das ganze untermalt von einer Gitarre, groovenden Bläsersätzen und dezenten Keys.

In "The Road" thematisiert die Band mit einem Augenzwinkern das Tour-Leben einer Band. Die besungene Band ist gerne mal blau wie das Joni Mitchell-Tape im Tourbus ;-). Ganz klar, Frontmann Mathias Kom ist ein Geschichtenerzähler in derselben Güteklasse wie Mark Kozelek aka Sun Kil Moon, aber im Gegesatz zu Kozelek, dessen Geschichten auf Alltagsbeobachtungen basieren, hat Kom eine unbändige Lust am Fabulieren und Phantasieren.



Dass "Fuck The Government, I Love You" auf dem am 1.4. erschienenen Album wiederzufinden ist, trifft sich gut, denn nur zwei Tage später veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung die so genannten Panama-Papiere, die genug Anlass bieten, um aus vollster Brust ein "Fuck the Government!" zu schmettern. Aber eigentlich ist der Song natürlich eine wunderschöne romantische Komödie über die Liebe.

Mit ordentlich Smash garnieren die mittlerweile in Neufundland ansässigen Kanadier den Song "Men Without Hats", in dem es darum geht, wie man sich in der Musik verlieren kann, als Musiker, als Fan, als Teenager und als gereifter Erwachsener. Recht hat er, der Herr Kom!



"Good Times" erzählt die Geschichte eines Hooligans, der im Knast landet und über seine Schandtaten reflektiert, die er allerdings nicht als solche begreift:  "You call it a riot, I call it a celebration. You call it violence, I call it an altercation. Tomato, tomato, they’re two different fruits completely. Don’t take the good times away from me".

Die sechste Geschichte "Give Up" philosophiert unter anderem darüber, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn man in einer Bibliothek - nach Herman Meville, der Autor von "Moby Dick" - recherchiert und dabei Illusionen zerstört werden. "My fiction ambitions took a hit with that bit of information. I mean everybody has their own symbolic cetacean. But whales are weighty and some become allegorical albatrosses. So I threw away my harpoon and cut my library card and my losses." Jetzt aber bitte nicht alle den Bibliotheksausweis zerschneiden!

Bei "Two Kings" steigen wir wieder ein in die fantastische Literatur. Michael Jackson lebt! Er hat in Kanada seine Zuflucht gefunden. Und Elvis lebt natürlich auch dort tief im Wald! Die Könige sind unbesiegbar! Die sitzen auf der Veranda und plaudern über alte Zeiten und eine Comeback-Tour, aber eigentlich wissen sie beide, dass sie dieses Plätzchen Erde nicht mehr verlassen werden. Seufz.

Der musikalisch literarische Ausflug endet mit der Ballade "Nonfiction". Sind Menschen, die mit Vorliebe Sachbücher lesen anders als Menschen, die sich in Belletristik verlieren? Brauchen beide gleich viel Sex?

Essentielle Fragen, über die ich bisher nie nachgedacht habe, bis mir The Burning Hell den Horizont erweiterten und mir mit "Public Library" eine wunderbare audiophile Packung verabreichten.

Tracklist:
01 The Stranger - (Murder Mystery)
02 The Road - (Music Biography)
03 Fuck The Government, I Love You - (Romantic Comedy)
04 Men Without Hats - (Coming-Of-Age Story)
05 Good Times - (True Crime)
06 Give Up - (Literary Criticism / Philosophy)
07 Two Kings - (Science Fiction / Fantasy)
08 Nonfiction - (Romance)

Montag, 4. April 2016

KID KOALA / 12 Bit Blues (2012)

HERZPLATTEN - REMEMBER THAT OLD SHIT
Kategorie: HipHop / Blues
Veröffentlichung: 2012

 

KID KOALA (gebürtig Eric San) ist ein kanadischer DJ und Turntablist, der in Montréal lebt und neben vielen anderen Umtriebigkeiten (Grafikdesigner, Cartoonist) auch Bandmitglied der Cartoon-Band Gorillaz unter der Leitung von Damon Albarn ist. Der gelernte Grundschullehrer ist bekannt für seine große Sammlung an Jazz- und Bluesplatten, die er liebevoll archiviert und katalogisiert und immer wieder gesampelt in seine Musik einfließen lässt.

Als musikalisches Projekt hatte sich Eric San 2012 unter seinem Alter Ego Kid Koala vorgenommen, den Blues bis auf die Knochen zu skelettieren und die DNA mit Bit and Bytes anzureichern.

Herausgekommen ist dabei ein Konzeptalbum, eingespielt mit Hilfe des legendären Samplers E-mu SP-1200 (daher der Titel des Albums), das an allen Ecken und Enden knistert, rumpelt und scheppert. Bis auf den letzten Titel, der sich "Denouement" nennt, sind die Tracks einfach durchnummeriert von "1Bit Blues" bis "11 Bit Blues". Diese bewusste Gleichschaltung macht Sinn, da die Tracks alle sehr repetitiv sind und man nur die wenigsten Tracks auch bei mehrmaligem Hören differenzieren kann. Außerdem verdeutlicht Kid Koala damit, dass der Fokus seiner Arbeit auf dem Flow des Albums liegt. Wer auf einem Album also so etwas wie einen Hit oder zumindest eine Lieblingsnummer erwartet, wird sich mit "12 bit Blues" schwertun.



Die Stärke des geglückten Experimentes ist die Offenlegung der Parallelitäten zwischen HipHop und Blues, die man zwar immer erahnte, aber noch nie so deutlich hören konnte. Kid Koala setzt seine Samples und Loops oder sein Scratching immer im Sinne des Ganzen ein und nicht als Effekt. Das unterscheidet ihn von vielen anderen DJs, die gerne ihre Virtuosität in den Vordergrund stellen und dabei den Song als solchen zum DJ-Set degradieren. Dieser Kunstfehler passiert Kid Koala wirklich nie!

Zum Reinhören empfiehlt sich der rumpelnde "2 bit Blues", der schmutzige "3 bit Blues" und das gefährliche "8 bit Blues (Chigago to NY to LA)". Let the Blues Speak for Itself! Und für alle, die sich in das DJing von Kid Koala vertiefen möchten, sei sein Frühwerk "Carpal Tunnel Syndrome" wärmstens ans Herz gelegt.



Tracklist:
01 1 Bit Blues (10,000 Miles)
02 2 Bit Blues
03 3 Bit Blues
04 4 Bit Blues
05 5 Bit Blues
06 6 Bit Blues
07 7 Bit Blues
08 8 Bit Blues (Chicago to LA to NY)
09 9 Bit Blues
10 10 Bit Blues
11 11 Bit Blues
12 Denouement

Freitag, 1. April 2016

WALL OF DEATH / Loveland

Psychedelischer Pop, wie er in den drogenverhangenen Sixties erschaffen wurde, erfreute sich in den letzten Jahren wieder zunehmender Beliebtheit. Besonders der australische Kontinent mit Bands wie Tame Impala, Pond oder auch Sticky Fingers, geizte nicht mit kreativen Werken um das Genre mit neuem Leben erfüllten.


Ein französisches Trio aus Paris geht einen etwas anderen Weg, denn auf ihrem zweiten Album "Loveland", lassen WALL OF DEATH ziemlich klar erkennen, dass sie dieser Musikrichtung nicht zwangsläufig neue Aspekte abgewinnen, sondern wohl eher einen neuen Meilenstein setzen wollen.

Und wie geht man ein solch gewagtes Unterfangen an? Erstens man benötigt authentisches Equipment und zweitens einen zeitgenössichen begabten Produzenten, der sich mit Retrosound gut auskennt. Brice Borredon (Keyboards/Vocals), Gabriel Matringe (Guitar/Vocals) und Drummer Adam Ghoubali gelang es, keinen Geringeren als Hanni El Khatib als Produzenten zu gewinnen und um den richtigen Sound zu generieren, wurden Synthesizer, Orgeln, E-Pianos und sogar ein Mellotron aus besagtem Jahrzehnt für die Produktion herbeigeschafft.



Die Idee für "Loveland" formuliert El Khatib war es, ein Album zu erschaffen, das klingt wie ein vertonter Traum zwischen damals und heute. Nicht einfach Fuzz-Gitarren übereinanderlegen, kein ausgeprägter Jam-Charakter, sondern ausgearbeitete Melodiebögen mit geheimnisvollen Passagen, langsam ineinanderfließend und hypnotisch in seiner Wirkung.

Ich nehme es vorweg, der Schulterschluss zwischen den sechziger Jahren und heute ist nicht wirklich gelungen, dazu ist "Loveland" zu sehr in der Vergangenheit gefangen, aber das Kunststück einen neuen Meilenstein für dieses altehrwürdige Genre zu kreieren, der neben großen Werken von Pink Floyd, Soft Machine oder den zu unrecht gerne vergessenen Os Mutantes aus Brasilien bestehen kann, ist hervorragend geglückt.



Der hypnotische Ritt beginnt mit dem Song "Loveland" und es würde sicher nur sehr wenigen auffallen, wenn man dieses Stück auf dem Pink Floyd-Debütalbum "The Piper At The Gates of Dawn" einschmuggeln würde. "For a Lover" spielt schwelgerisch mit Melodien und Tempiwechseln wie es Os Mutantes in den Sechzigern taten, "Mother Tongue" führt in dunklere Gefilde und verströmt die mystische Aura, die Syd Barrett auf seinen beiden 1970 erschienenen Soloalben innehatte.

"How many Kids" gelingt am ehesten der Anschluss an die australischen Erneuerer, ehe mit "Blow the Cloud" die Atmospähre dichter wird und sich der prallgefüllte psychedelische vielfarbige Himmel über den Zuhörer ergießt. Pink Floyd können endlich in Rente, ein legitimer Nachfolger für die epischen Frühwerke der Band ist gefunden.

"Dreamland" ist ein kurzes Orgel-Intermezzo, um neue Krafte zu bündeln und zu zeigen, wie sanft man auf Melodien reisen kann, ehe mit "All Mighty" zu analogen Keys und einem kontinuierlichen Beat wieder etwas näher an die Jetzt-Zeit gerückt wird. Der erste gefährlich klingende Traum ist "Little Joe", die Gitarre schneidet und die Orgel marschiert schnurrstracks in eine Horror-Show und anschließend darf bei "Chainless Man" sogar etwas BluesRock vorbeischauen - spätestens jetzt sollte man das Produzentenhändchen entweder Dan Auerbach oder eben El Khatib zuordnen können ;-).

Das athmosphärische Meisterwerk "Memory Pt. 1 & Pt. II" kommt zum Schluss. Über eine Länge von mehr als 10 Minuten geistern Klangwolken, Instrumente begehren auf und verebben wieder und ewig fließt der bewusstseinsveränderte Strom ....

Tracklist:
01 Loveland
02 For A Lover
03 Mother Tongue
04 How Many Kinds
05 Blow The Cloud
06 Dreamland
07 All Mighty
 08 Little Joe
09 Chainless Man
10 Memory Pt. 1 & Pt. II