Labels

Sonntag, 10. Januar 2016

HINDS / Leave me Alone

Damen, die Bier trinken, finde ich prinzipiell sehr ansprechend. Wenn diese Damen dann auch noch dreckig Gitarrespielen und klingen als hätten sie ihr ganzes Leben in der Garage beim Musizieren verbracht, gibt es weitere Bonuspunkte. Eine Beleidigung für das Auge sind die vier Riot-Girrrls aus Madrid auch nicht, könnte sich also meine erste (musikalische) Liebe für dieses Jahr anbahnen.


Manche Platten sollte man unter perfekten Bedingungen hören. Ich öffne also ein Bierchen, ganz gepflegt mit dem Flaschenöffner, stecke mir einen Glimmstengel ins Gesicht und gebe mich nach zweifachem kurzen Durchhören nun mit voller Konzentration und Leidenschaft dem blechern rumpelnden Sound von "Leave me Alone" hin.

Das Debüt der jungen Spanierinnen beginnt mit "Garden", bei dem die Gitarristinnen Ana Perrote und Carlotta Cosials wunderbar auf ihren Instrumenten schrammeln und dazu krächzen als hätten sie nach einer durchzechten Nacht gerade mit einem Schluck Whisky die Morgentoilette hinter sich gebracht, um nun im Garten etwas abzuhängen und die schönsten Lieder der Nacht nachzugrölen.



"Fat Calmed Kiddos" zeigt zu einer feinen Basslinie von Ade Martín die Dame mit den Lippen am Flaschenhals, die softere Seite des flotten Vierers. Immer noch schräg und roh, aber doch auch niedlich und sehr melodiös. "Warts" und "Easy" schlagen in die gleiche Kerbe, aber dann kommt mit "Castigadas En El Granero" ein echter Leckerschmecker. Die so wunderbar wie hingerotzt klingende Nummer hat alles, was es braucht, um dunkle Wolken zu vertreiben und fröhlich mit zu trällern.

Zur Verschnaufpause für die krakelenden Stimmen gibt es exakt zur Albummitte mit "Solar Gap" ein vergnügt dahinplätscherndes Instrumentalstück, zu dem man im Sonnenschein sicher schön wegschlummern kann. Nächste Station "Chili Town". In dieser scharfen Stadt gefällt es mir außerordentlich! Die HINDS erinnern vom Sound und von der Gitarrenmelodie im Hintergrund her an die legendären Velvet Underground in ihrer Ursprungsbesetzung. Feiner Song mit den hochpoetischen Textzeilen, bei denen man hofft, irgendwann in einer Kneipe auf die Ladys zu treffen: "I am swimming in the dark 'cause all your friends are sharks ... I am stealing your cigars just 'cause they're closer than mine ... I am flirting with this guy so you can watch my crime ... "



Sechs Sekunden lang eröffnet der Bass das furiose "Bamboo", welches mich durch seine archaische und anarchistische Attitüde verdammt an die Slits erinnert.  Knackiger SixtiesGarage-Sound meets klebrigen Punk. In "San Diego" geht es dann natürlicherweise wieder sonniger zu. Die Gitarren toben wie ausgelassene Bälger über die das Trommelfell angreifenden Stimmen des Gesangsduos. Krach, der verdammt viel Spaß macht!


Nicht wundern, die Hinds hießen erst Deers, mussten sich aber wegen eines Urheberrechtsstreit umbenennen.

Die nächsten beiden Songs des Albums sind reduzierter und ruhiger. Bei "And I Will Send Your Flowers Back" klingt das nach FreakPunkFolk und vor allem nach den letztjährigen Abräumern Girlpool, bei "I’ll Be Your Man" bezaubert die poppige naiv-charmante Melodie. Der Schlusssong "Walking Home" lässt die Gitarren wieder twangen und die beiden unbegnadeten ;-) Sängerinnen Ana Perrote und Carlotta Cosials beweisen einmal mehr, dass Perfektion für gute Rock- und Popmusik absolut zweitrangig ist.



Das perfekte TweePop-Album für einen feuchtfröhlichen Abend mit guten - am besten trinkfesten - Freunden, um über Musik und die Welt zu philosophieren oder um es sich einfach nur gut gehen zu lassen. Und wenn die Mädels dann noch an die Tür klopfen würden, stünde einer ausgelassenen Party überhaupt nichts mehr im Wege.

Tracklist:
01. Garden
02. Fat Calmed Kiddos
03. Warts
04. Easy
05. Castigadas En El Granero
06. Solar Gap
07. Chili Town
08. Bamboo
09. San Diego
10. And I Will Send Your Flowers Back
11. I’ll Be Your Man
12. Walking Home

Donnerstag, 7. Januar 2016

DAVID BOWIE / Blackstar

Am 8. Januar 2016 wird David Robert Jones, allseits bekannt als DAVID BOWIE und einflussreicher Musiker der jüngeren Musikgeschichte, 69 Jahre alt. Exakt an diesem Tag erscheint auch Bowies neuestes, sein 26tes (wenn ich richtig gezählt habe) Album. Glückwunsch an den Jubilar.


Wie ich an mir selber feststellen kann, ist Jazz eine Musikart, der sich die meisten Menschen häufig erst mit zunehmendem Alter widmen. Auf Bowies 2013er Album "The Next Day" konnte man schon des Meisters Hang zu diesem Musikgenre erahnen, und seine Hochachtung vor Scott Walkers experimentellen Alben ist ja allseits bekannt, aber trotzdem war nicht zu erwarten, dass sich das musikalische Chämeleon Bowie soweit in die Untiefen des Jazz hinabwagen würde.

Versucht man "★" mit einem anderen Werk aus dessen umfangreicher Diskographie zu vergleichen, drängt sich vor allem "Earthling" aus dem Jahre 1997 auf, wo Bowie die bereits abebbende Drum-and-Bass-Bewegung für sich vereinnahmte. Aus der gleichen Zeit stammt auch Bowies Beitrag "I'm Deranged" zum Soundtrack von "Lost Highway", einem der schönsten D’n’B-Songs aller Zeiten, den es sich noch immer lohnt zu entdecken.

Auch auf "★" werden im Titelsong "Blackstar" über mehr als 9 Minuten die Beats seltsam gebrochen, allerdings von einem Schlagzeuger aus Fleisch und Blut.  Aber im Gegensatz zu "Earthling" klingt das nur noch sehr wenig nach Pop im herkömmlichen Sinne, sondern eben viel mehr nach Jazz, was auch daraus rührt, dass Bowie das Saxophon (Donny McCaslin) als zentrales Element der jamartige Nummer einsetzt.

Überhaupt scheint eine neue Liebe zwischen Bowie und dem Saxophon entfacht zu sein, denn auch bei "'Tis a Pity She Was a Whore" darf sich das Instrument, jetzt sogar freestyleartig zum polternden Schlagzeug austoben. Und kaum zu glauben, in seiner langen Karriere singt Bowie in diesem Song tatsächlich erstmals über seinen Penis. Das sind mal echte explizit Lyrics ;-)

Bei "Lazarus" bleibt der Jazz präsent, wird aber im Hinterzimmer eingesperrt. Die schwermütige Ballade wird von Streichern und giftig dazwischenspritzenden Gitarren-Intermezzi befeuert, ehe die neue Liebe Bowies wieder in den Song eingreift. Klingt mehr nach Nick Cave als nach Scott Walker.



Bei "Sue (Or In a Season of Crime)" wird dann überdeutlich, dass Bowie auf seinem 26ten Studioalbum so experimentierfreudig ist wie lange nicht mehr und man merkt von Stück zu Stück mehr, dass "★" mit einer neu formierten Band aus New Yorker Jazzmusikern eingespielt wurde.

Düster, beklemmend und spooky klingt "Girl Loves Me", wo zu einem montonen Schlagzeugbeat Bowie wieder nicht an expliziten Lyrics spart und stimmlich in einigen Passagen tatsächlich wie Johnny Lydon klingt! Die Ballade "Dollar Days" ist der Song, der klingt, als stamme er direkt aus der goldenen Ära des großen Zeremonienmeisters, nur dass auch hier die psychedelisch-spacige Atmosphäre vom Saxophon begleitet wird.



Der siebte und leider schon letzte Song des Albums trägt den Namen "I Can't Give Everything Away". Wieder fiebert das Schlagzeug, eine Mundharmonika setzt feine Akzente und dieses Mal zeigt die Gitarre, dass man für Jazz nicht unbedingt Saxophon benötigt ;-).

Ein ganz vorzügliches aufregendes Album des vielleicht größten britischen Musikers, welches man auf keinen Fall als Alterswerk einstufen kann, denn Bowie bleibt unglaublich neugierig und es gelingt ihm mit traumwandlerischer Sicherheit ein virtuoses Album zwischen KrautRock, ProgRock und Jazz zu platzieren. Höchste Sternezahl für "★" vom Mann, der einst vom Himmel gefallen ist.

Nachtrag: 2 Tage nach der Veröffentlichung des Albums "★" erliegt David Bowie seinem Krebsleiden. Er hat mich über mein ganzes Leben begleitet und wird mir sehr sehr fehlen.

"Nothing will keep us together
We can beat them, for ever and ever
Oh we can be Heroes,
just for one day"


RIP David.

Tracklist:
01 Blackstar    9:56
02 'Tis a Pity She Was a Whore    4:45
03 Lazarus    6:23
04 Sue (Or in a Season of Crime)    4:35
05 Girl Loves Me    4:53
06 Dollar Days    4:36
07 I Can't Give Everything Away    5:41

Samstag, 2. Januar 2016

ISBELLS / Billy

Im letzten Jahr sorgte aus Belgien vor allem die Band Balthazar für Furore, in diesem Jahr könnte den ISBELLS aus dem belgischen Leuven ein ähnliches Kunststück gelingen. 


Nachdem Sänger Gaëtan Vandewoude in verschiedenen belgischen Bands sein Glück versuchte, entschloss er sich 2009 die Band Isbells zu gründen. Mit Naima Joris, Bart Borremans und Gianni Marzo fand er Mitmusiker, die ebenfalls über eine vorzügliche Stimme verfügen und sich an mehreren Instrumenten zuhause fühlen, um seine Vision vom gefühlvollen Folk mit Harmoniegesängen zu verwirklichen.

2012 gelang der Band mit ihrem zweiten Album "Stoalin'" der erste größere Erfolg, als sie in ihrem Heimatland als beste Newcomer nominiert wurden. Im Laufe der Zeit hat sich die Besetzung der Band verändert. Joris und Borremans verließen die Band und mit Chantal Acda (Bass, Perkussions und Vocals) und Christophe Vandewoude (Schlagzeug und Ukulele) stießen zwei neue Mitstreiter hinzu, mit denen nun der dritte Longplayer "Billy" eingespielt wurde.

2014 hatte Vandewoude sich eine kurzer Auszeit vom Folk genommen und unter dem Namen Sweet Little Mojo einen Ausflug in Popgefilde gewagt, aber 2016 soll das Jahr seiner Band werden und mit "Billy" stehen die Sterne nicht schlecht.

Im mit einem zuckersüßen Refrain versehenen Titelsong "Billy" umschmeicheln Bläser und Streicher eifrig die weiche Stimme von Vandewoude, der sich gesanglich irgendwo zwischen Bon Iver , den Tindersticks und Nick Drake einschmiegt. Das zweite Stück "Nothing goes away" beginnt mit einem Herzschlagbeat vom Drumcomputer, wozu eine Solo-Gitarre ihr Leid klagen darf. Wer gerne Gitarren weinen hört, dem wird sich bei dieser sehnsuchtsvollen Ballade wahrscheinlich das Herzchen weiten - ist erlaubt, denn das brandgefährliche alles vernichtende Kitsch-Riff wurde gekonnt umschifft. Dieses Manöver klappt bei den meisten Songs vorzüglich, lediglich bei "I Don't Need Any Color" trägt die Trompete zu dick auf - das klingt ja am Beginn des Stücks nach Weihnachten!



Bei "Calling" ist es ausnahmsweise nicht die Melodie, sondern die Atmosphäre, die das Stück ausmacht. Mit den hellklingenden Glöckchen und der elektronisch leicht veränderten Stimme kommt mir Brian Eno und andere chillige Ambient-Sound-Bastler in den Sinn. Prinzipiell stehe ich nicht so auf diese Hintergrundklangmalereien, aber auf dieser Platte fügt sich der Song sehr gut in das Gesamtbild.

Ganz mein Ding ist dagegen "I was told", wo sich Slide-Guitar und Bläser zum wohlklingenden Country-Americana-Folk vereinen. Geradezu fragil beginnt "The Sounds Of A Broken Man", obwohl der Mann doch schon zerbrochen ist, aber Spaß beiseite, die Nummer beschleunigt gegen Ende ganz ordentlich, so dass man schon fast von einem Popsong sprechen kann. Aber keine Angst, schon der nächste Song "When We Were Young" geht zurück ins Kämmerchen und nimmt nur ein sehr sehr trauriges Piano und die Stimme von Herrn Vandewoude mit. Klingt tatsächlich nach ehrlicher Trauerarbeit und Rückbesinnung und tatsächlich haben die Isbells laut Infotext des Plattenlabels Zealrecords ihr bisher persönliches Album aufgenommen, da sich Songwriter Vandewoude die Worte Rainer Maria Rilkes zu Herzen genommen hat: "Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich."

"The Art Of Knowing" kombiniert wieder Trompete mit sanften Beats. Mehr als eine Minute führen diese beiden den Song, ehe die Stimme einsetzt, dann fließen alle gemeinsam ins tiefe Tal der Melancholie. Das hört sich ziemlich kitschig an, ist der Song in gewisser Weise auch, aber trotzdem ist er irgendwie Balsam für die Seele, dem man sich oder zumindest ich mich nicht entziehen kann.

Countryesk geht es weiter mit "Hand Of The Chest", einer weiteren traurigen Ballade, bei der man allerdings aufpassen muss, dass man nicht vom Stühlchen fällt, wenn man bei 2:10 ganz unverhofft aus dem Traum geweckt wird. Gut, dass man geweckt wurde, dann als letztes haben sich die Isbells ihre flotteste Nummer "Falling For You" aufgehoben. Hier dürfen tatsächlich zwischen den leisen Passagen die Gitarren auch mal richtig auf Rabauken machen!

Ein gelungener dritter Streich der Isbells, bei dem vor allem das Zusammenspiel zwischen Blasinstrumenten und Streichern zu den sanften Melodiebögen ungewohnt und damit höchst hörenswert klingt. Die Download-Version und die CD gibt es schon seit September 2015, aber auf Vinyl erscheint "Billy" erst am 15. Januar 2016 - und das zählt natürlich ;-).

Tracklist:
01 Billy
02 Nothing Goes Away
03 Calling
04 I Was Told
05 I Don't Need Any Color
06 The Sounds Of A Broken Man
07 When We Were Young
08 The Art Of Knowing
09 Hand Of The Chest
10 Falling For You