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Dienstag, 19. August 2014

CONOR OBERST live im Gloria / JA, Panik auf dem Gamescom-Festival [Cologne, 17.08.2014]

Die Akkus frisch geladen. Am Morgen aus dem Urlaub zurückgekommen und als krönender Abschluss der schönsten Zeit des Jahres sollte dann das Konzert von CONOR OBERST im Gloria dienen. Also fix die Koffer ausgepackt, über das beschissene Wetter in Deutschland geschimpft und eine SMS an meinen treuen Konzertbegleiter C. geschrieben, wann wir uns für das Konzert treffen.

Daraufhin erreicht mich eine Textnachricht mit den Worten "Können doch, wenn es nicht regnet den Anfang von  JA, PANIK schauen ... beginnen um 19:10". Ich: "Wie Ja, Panik?" C: "Gamescom Festival am Ring :-)"

Kann ein Wiedereinstieg in den Alltag besser verlaufen?????

Also doch keine Mütze Schlaf mehr gefangen, sondern frühzeitig auf die Socken gemacht, um am Ring noch vor dem Konzert von Conor den geliebten Wienern zu lauschen. Als wir an der Bühne am Hohenzollernring eintreffen, spielen gerade YOUNG REBEL SET. Not really my kind of Shit. Die meisten Songs sind einfach gestrickte Country-Rock-Nummern, schlimmstenfalls mit Mitschunkel-Faktor. Aber das Set der Briten ist für umsonst schon in Ordnung, nach den zuckersüßen Mojitos im Urlaub kann ich mich wieder an das Kölsch gewöhnen und mit ein paar wenigen Songs, z. B. "If I was" und "Lions Mouth" kann ich mich sogar anfreunden.

JA, PANIK betreten gegen 19 Uhr ganz in schwarz gekleidet die Bühne für den Soundcheck. Ist ziemlich ungewohnt, die Band bei hellem Tageslicht, umgeben von Familien und Teenagern zu sehen. Für mich ist das Gebäude 9 die bestmögliche natürliche Umgebung für Spechtl und seine Mannen - "Mannen" kann man eigentlich nicht mehr benutzen, denn schon die gesamte Libertatia-Tour begleitet Keyborderin Laura Landergott die Band.

Aber bevor Ja, Panik loslegen können, wird es peinlich. Eine hyper-gutgelaunte blonde Moderatorin in zu engen rosafarbenen Jeans moderiert die Band an, als käme nun ein Auftritt einer Tennie-Band in der Mini-Playback-Show. Würg!

Die Band startet mit "Trouble" vom 2011er Meisterwerk "DMD KIU LIDT". Das Publikum, das die Österreicher nicht kennt, ist irritiert, "Singt der nun deutsch, österreichisch oder englisch????", aber es sind auch einige Gesichter zu erkennen, die man auch im G9 schon gesehen hat - Gruß an den Herrn (s. Foto) mit der gleichen Frisur wie ich, der mir beim Ruf nach "Marathon" freundlich zugelächelt hat. Gute Frisur, guter Geschmack :-).

Natürlich sind die, nennen wir es mal massenkompatibleren - auch wenn der Begriff für Ja, Panik-Stücke eigentlich nicht wirklich zutrifft - Songs vom aktuellen Album "Libertatia" der Schwerpunkt des Sets. Ich freue mich über "Post Shakey Time Sadness", "Chain Gang", "Dance the ECB", "Chain Gang", "Libertatia" und besonders über "Alles leer" und "Time Is On My Side".

Leider drängt die Zeit, weil wir den Support von Conor Oberst, DAWES auch unbedingt hören wollen und Frau H. bestimmt schon verzweifelt vor dem Gloria wartet während ihr Ticket in meiner Tasche steckt :-(. Nach einem ausgiebigen SMS-Verkehr heißt es deshalb - passenderweise kurz nach "Au Revoir" - Abschied nehmen. Während wir durch die fast verlassene Ehrenstrasse Richtung Gloria pilgern, kann man Ja, Panik noch spielen hören. Seufz, aber besser konnte der Abend eigentlich nicht beginnen, auch wenn ich gerne ein paar Songs aus der Frühzeit der Band gehört hätte - da gibt es ja auch einige, die man durchaus einem Umsonst-Publikum vorsetzen kann ("Venedig", Zwischen 2 und Vier").


Der schon etwas säuerlich wirkenden Frau H. (sie kann dem Wiener-English-Slang von Herrn Spechtl leider überhaupt nichts abgewinnen) schnell das Ticket übereicht und rein in den Club, wo die DAWES bereits spielen.

Bereits nach wenigen Minuten steht mein Urteil über die Band fest. Abgedroschener US-Rock mit Countyflair und einer unerträglichen Portion Pathos - irgendwie zwischen Bruce Springsteen (ja, ein paar gute Songs hat er schon) und den nervenden Eagles. Man sieht förmlich das US-Publikum mit Baseball-Caps und riesigen Popcorn-Eimern vor sich.

Boaah, überhaupt gar nicht my kind of shit!!! Very schrecklich, obwohl wir als brave Konzertgänger uns natürlich vorinformiert hatten und im vorab der Song "Fire away" uns allen gefiel!

Die Überraschungs des Abends ist dann als CONOR OBERST mit einem übergroßen Schlapphut, im selbstverständlich ausverkauftem Gloria, die Bühne betritt und ich bemerke, dass der Schlagzeuger definitiv der gleiche ist, wie der dieser schrecklichen Vorband. Und einige Minuten später war klar, die DAWES sind in Komplettbesetzung an diesem Abend die Begleitband des sensiblen, melancholischen Songwriters Conor Mullen Oberst. Sachen gibts, die gibts doch gar nicht!

Aber was solls, Conor hat schon mit allen möglichen Musikern (Mystic Valley Band, Bright Eyes, Monsters Of Folk) gespielt und was zählt, ist in erster Linie das Songwriting und in dieser Disziplin spielt Herr Oberst auf Champions League Niveau und dass die Herren von den Dawes unmusikalisch sind, hat ja keiner behauptet.

Mein treuer Konzertbegleiter C. hatte Herrn Oberst vor einiger Zeit in ziemlich derangierter Verfassung erlebt, aber heute Abend strotzt der kleine Mann aus Nebraska vor Kraft und Spielfreude.

Aber man merkt schon, dass die Band, ob von Conor gewollt oder nicht, deutlich dicker mit dem Pinsel aufträgt, als es auf der aktuellen Platte "Upside Down Mountain" üblich ist. So wird der Opener "Time forgot" deutlich opulenter vorgetragen und es dauert wirklich etwas bis ich den Song identifizieren kann. Der erste Teil des Konzerts wird dann auch größtenteils mit durchgedrücktem Gaspedal bestritten, wer wie ich auf die großartigen karg instrumentierten Balladen wartet, bei denen Conors brüchige Stimmung meiner Ansicht nach die optimale Wirkung entfaltet, muss sich noch gedulden. Das liest sich jetzt vielleicht so als hätte ich bis dahin keinen Spaß am Konzert, das ist aber keineswegs so, denn Conor spielt sich mit schier kindlicher Freude kreuz und quer durch sein Schaffenswerk und die Dawes erfüllen artig ihre Aufgabe.

Herausragend bis dahin der Bright Eyes Songs "Soul Singer In A Session Band" von 2007, "Nikorette" (2009) ursprünglich mit the Mystic Valley Band aufgenommen und "Enola Gay" vom aktuellen Album.

Ob Conor weiß, dass gerade auf den Ringen zeitgleich ein kleines Musikfestival statt findet, weiß ich nicht, aber sein dezenter Wutausbruch ["Fucking Festis!"] über Publikum, welches nur wegen des Events und nicht wegen der Musik zu Festivals geht, spricht mir aus der Seele und lässt mich auch direkt an die unzähligen Event-Fans bei der gerade erst abgeschlossenen Fußball-WM denken. Wenn man etwas liebt ist dieses Verhalten für einen Fan schon schwer zu ertragen, wie muss es da erst für einen Musiker sein?

Zwei weitere Höhepunkte in einem, ich wiederhole mich gerne, fantastischen Konzert gab es noch. Erstens den zu spärlichem Licht solo vom Oberst am Keyboard im Orgel- statt Pianomodi vorgetragenen "Ladder Song", der eine Reihe von Songs einleitet, bei denen das Päärchenverhalten im Saal dramatisch hervortrat.

Und dann, ich hatte mir im Voraus verboten darauf zu hoffen, spielt der Oberst doch tatsächlich das magische, obwohl schon 1000mal gehörte und trotzdem unkaputtbare, wunderbare "First Day of my Life". Danach hätte Connor von mir aus sogar einen schlimmen John Denver Song zum besten geben können, ohne mir die Laune zu versauen. Sie wissen, was ich meine? Der Zustand, wenn einem die Mundwinkel wie unterhalb der Ohren angetackert erscheinen und sich selbst dann nicht lösen würden, wenn einem mittelalterliche Foltermethoden zu Leibe rücken.



Über zwei Stunden verzaubert Conor Oberst an diesem Abend sein Publikum. Wer Hören (und Zuhause auch unbedingt Zuhören) kann und an diesem Abend vorher noch nichts von Conor gehört hatte, der hat nun die wundervolle Aufgabe den nicht gerade kleinen Backkatalog des Ausnahmekünstlers aufzuarbeiten. Alles Gute nochmal zum Geburtstag Bodo ;-).

@ Oberst Conor: Beim Rolling Stone Weekender sind NUR Menschen, die Musik lieben und das diesjährige Line-Up hat noch große Lücken!


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