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Donnerstag, 30. Juni 2016

TY SEGALL AND THE MUGGERS live im Gebäude 9 in Köln

Location: Gebäude 9
Date: 27.06.2016

 

Bei Konzertticketbestellungen weit im voraus, vergesse ich immer gerne, dass es eventuell noch andere wichtige Ereignisse geben könnte. Aber wer konnte schon ahnen, dass bei der Fußball-EM die größte Schmach aller Zeiten stattfinden und mir so ein historisches Ereignis entgehen würde.

Aber wahrscheinlich hätte ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, am Montag, den 27.06.2016, am Tag des totalen BrEXIT, Ty Segall and the Muggers live zu erleben ;-).



Wie immer sind wir, mein treuer Konzertbegleiter C., die Unverwüstliche V., sowie die unzertrennlichen M&M und meine Wenigkeit recht zeitig am G9 in Köln-Deutz. Der nasse Sommer legt eine kurze Pinkelpause ein, weswegen man endlich mal wieder ein kühles Becks im Freien genießen kann. Die Vorfreude auf den manisch-magischen Gitarrenwixer Ty Segall ist gigantisch und aus Insiderkreisen erfahren wir, dass es wohl verdammt laut werden wird, und dass es neben der bereits ergoogelten Vorband Zentralheizung of Death des Todes noch eine weitere geben wird. Der weibliche Part von M&M dreht sich daraufhin mit Nivea-Creme und Taschentüchern DIY-Hörschutzkugel, die aussehen wie Drogenbällchen.

20:30 Ortszeit geht es endlich los. Die Zentralheizung of Death des Todes gefallen mit Garagenpunk meets Surf, der sich um Genregrenzen einen Scheißdreck kümmert und so herzerfrischend anarchistisch klingt, dass ich von den herrlich Bekloppten nach dem Konzert sehr gerne Vinyl einsacken würde - gibt es aber leider nicht, aber Tante Google gönnt mir am Tag danach entsprechende Treffer :-(.



Die Band speist sich übrigens aus Mitgliedern aus Berlin, Leipzig und Erfurt, wurde in letztgenannter Stadt gegründet und passt mit ihrem schrägen Outfit und Sound perfekt als Support für den Krachmacher Segall aus Kalifornien. Besonders pitoresk ist übrigens der Ein-bisschen-Frieden-Nicole-Gedächtnis-Haarschnitt des einzigen weiblichen Mitglieds der aktuell als Quartett agierenden Band. I love Zentralheizung!

Der nächste Act sind die Ausmuteants aus Melbourne. Leider fehlt der Band alles, was die ZHOD so liebenswert und spannend macht. Die australische Band besteht aus vier Posern, die sich als wütende böse und obercoole Jungs präsentieren, die gerne Rockstars wären, aber mehr wirken, als wären sie eine Schülerband. Die Kombination aus Punk und flirrenden billigen Keyboard-Sounds ging mir schon nach wenigen Minuten ziemlich auf die Nüsse. Wenn schon schimpfen und pöbeln, dann bitte richtig - siehe Sleaford Mods!



Um 22:30 erklingen die langersehnten Worte "Señora y Señores, directo de Los Angeles, California presentamo Los Muggers". Aber was müssen meine enttäuschten Augen sehen, Ty trägt nicht die wunderbar scheußliche Babymutanten-Maske, sondern nur seinen Kapuzen-Sweater tief ins Gesicht gezogen, aber dafür stimmt der Sound direkt vom ersten Song an.

Wie bei der hochkarätig besetzten Begleitband  u. a. King Tuff und Mikal Cronin) zu erwarten war, wirft Segall den LoFi-Gedanken - den ich eigentlich sehr bei seinen Werken schätzte - über Bord und gibt den Zuhörern ein ordentliches Brett. Fett! Fett! Fett!

Segall und die Muggers sind exzellent aufeinander eingespielt. Obwohl sein Sound ja eigentlich eher sperrig und unkonventionell ist, klingt hier kein Stück auch nur ansatzweise nach Diletantismus oder Lo-Fi. Die Riffs sitzen perfekt, stechen messerscharf und punktgenau. Die versteckten Melodien schälen sich untadelig aus dem Sound-Tornado, welcher sich hervorragend für eine ordentliche Hirmwäsche eignet und live stellenweise sogar an ProgRock-Orgien aus den drogenverhangenen Seventies erinnert.



Das Publikum, überdurchschnittlich geprägt von langen schlechten Haarschnitten und deutlich mehr Frauen als erwartet, hat er unverzüglich auf seiner Seite. Man gibt sich hin. Wer mit gigantomanischen Songs wie "Squealer" oder "Emotional Mugger/Leopard Priestes" seinen Alltagsfrust abschütteln will, ist hier definitiv richtig. Immer wieder werden Personen auf Händen durch das Publikum getragen und beim Monster-Hit "Candy Sam" ist die aufgewühlte Meute nicht mehr zu halten. Die Intensität und die Perfektion dieser Band ist zum Greifen spürbar. Als alter Sack darf ich erwähnen, dass ich mich durchaus auch in einigen Momenten an einen gewissen Herrn Zappa erinnert fühle.

Das besonderes Schmankerl an diesem Abend wird serviert, als Ty und die Muggers eine Garage-Rock-Version von "L. A. Woman" von The Doors zum Besten geben, die Ty seiner Mutter, einer L. A. Woman, widmet. Großartig! Knapp 80 Minuten spielt die Band und ich bin am Ende schwer beeindruckt vom Derwisch des schmutzigen GaragenRocks, der mit den Muggers wohl die Band gefunden hat, die in Perfektion umsetzt, was sich der Kalifornier in seinem nimmermüden Hirn ausbrütet. Aber trotzdem hoffe ich, dass es bald auch wieder Schnellschüsse des Workoholics gibt, die nicht so perfekt ausgearbeitet sind, sondern gerade durch das Skizzenhafte hervorstechen.

Für Fotos oder gar Filmen war an diesem Abend jede Minute zu schade, deswegen an dieser Stelle das von Arte präsentiert Konzert des Meisters vom Musikfestival Villette Sonique in Paris. Enjoy und wer noch nicht im Besitz des aktuellen Meisterwerkes "Emotional Mugger" ist, darf sich gerne noch die Rezension vom Februar zu Gemüte führen und dann einen Platz für den Neuling im Plattenregal schaffen!

Ö ... und gute Heimfahrt für die Engländer ;-)
 

Freitag, 24. Juni 2016

KEVIN MORBY / Singing Saw

Manchmal ist es hilfreich und die richtige Entscheidung, wenn man sich trennt. 2013 verließ KEVIN MORBY die von ihm mitgegründete Band Woods, woraufhin diese 2014 mit "With Light and with Love" ihr bisher bestes Album veröffentlichten, welches es in den Rock-n-Blog-Jahrescharts 2014 auf Rang 2 schaffte.


Seit seinem Ausstieg als Bassist bei den Woods, veröffentlichte Morby 2013 sein Soloalbum-Debüt "Harlem River" und im Jahr darauf das Album "Still Life". Aber erst mit der diesjährigen Veröffentlichung "Singing Saw" gelingt es Morby, seine Karriere als Singer/Songwriter auf das nächste Level zu heben und mit seiner ehemaligen Band in der gleichen Liga zu musizieren, denn dieses Album ist ein schier unglaubliches Füllhorn an Kreativität. Nicht die Art von Kreativität, die Dinge hervorbringt, die man so absolut noch nicht gehört hat, sondern die Art von Kreativität, die einen fragen lässt, wie er auf die Idee gekommen sei, dies so und nicht anders (wie gewohnt) zu machen.

Vielleicht ist die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern der Schlüssel?

Auf "Singing Saw" arbeitete Morby zusammen mit Sam Cohen (Apollo Sunshine, Yellowbirds), Marco Benevento (Piano, Keyboards), Hannah Cohen und Lauren Balthrop (Elizabeth & the Catapult) als Background-Sängerin sowie den Schlagzeugern Nick Kinsey und Justin Sullivan (mit dem Morby auch bei der Band The Babies zusammenspielt). Für die Streicherarrangements verpflichtete er Oliver Hill und Eliza Bag, Saxofon und Flöte übernahm Alec Spiegelman und die Trompete Cole Kamen-Green. Die singende Säge bei  den Songs "Cut Me Down" und "Singing Saw" spielt kein geringerer als John Andrews von Quilt. Da hat sich schon eine erlesene Truppe an Musikern aus dem Raum New York/Boston zusammengefunden!

Los geht's mit "Cut me down". Die Säge schwingt so sanft, die Gitarre federleicht gezupft, der Bass so beschwingt sonor, die Streicher so zärtlich und die Stimme so klar. Ein Lied über den absoluten Nullpunkt im Tal der Tränen. Volle Punktzahl für den Opener? Eigentlich schon, käme danach mit "I Have Been to the Mountain" nicht ein Song, der zwangsläufig höher bewertet muss, weil er wie ein Monolith aus dem auch insgesamt absolut überzeugenden Album herausragt.

Besagter Song fußt auf eine Rede von Martin Luther King und ist dem von Polizisten getöten Afroamerikaner Eric Garner gewidmet. Er beginnt mit einem Geräusch das klingt, wie wenn eine Nadel über Vinyl rutscht, was bekanntlich unter Vinylsammler durchaus zu einem kontrollierten Wutanfall führen kann. Und genau wie ein kontrollierter Wutanfall klingt "I Have Been to the Mountain"!



Morby wütet! Er schreit nicht, aber er drückt seine Wut  in expliziten Stichworten aus, es gibt orchestrale Backing-Vocals, die Trompete bläst zum Marsch gegen das Unrecht und so ziemlich jeder an dem Album beteiligte Musiker marschiert mit. Fulminant, opulent, aber kontrolliert - ergreifend!

Durchaus auf einem Woods-Album könnte man sich den Track "Singing Saw" vorstellen. Nicht nur wegen der exorbitanten Länge von  mehr als 7 Minuten, sondern wegen der psychedelischen Komponente, welche die singende Säge implimentiert und der langsam anschwellenden Dramatik des Stückes.

Endlich wieder ein Lied für Trinker ;-). "Drunk and on a Star" passt sehr schön zu einem Schildchen, welches ich erst kürzlich auf einer Holland-Reise erworben habe: "Alkohol, weil noch nie eine gute Geschichte mit "Ich aß einen Salat ..." begann." oder um es mit Morbys Worten zu sagen: "And though I'm drunk and on a star. Hangs above just where I was. Going out, mouth full of laughter. Eyes like beams, head full of dreams"



Und schon wieder ein Song für die Girls-Playlist! Dieses Mal heißt die besungene Dame "Dorothy" und es ist kein sanfter, sondern ein rollender Song mit schrammelnden leicht verzerrten Gitarren und einem klimpernden Piano. Besungen wird eine Reise ans Meer, fischfangende alte Männer und das Mädchen Dorothy, mit dem er die ganze Nacht zum Tag machen möchte.

Die minimalistische Pianoballade "Ferris Wheel" klingt ganz anders als der vorhergehende Song: melancholisch, aber auch unschuldig und rührend. Auch "Destroyer" ist eine Ballade, aber mit vielen kleinen raffinierten Soundideen, herzzerreißenden Streicherpassagen und ohne große Hoffnung, dass Verluste sich vermeiden lassen. Nicht nur wegen des Songtitels, sondern auch wegen des Arrangements fühlt man sich stark an Dan Bejar erinnert!



Mehr nach Bob Dylan geklungen hat Morby noch nie als auf "Black Flower". Eine monotone maschinell klingende Rhythmik und ein poetischer Text: "In the garden where we built a home. And the roads that we built off the road. In the garden where we built a home. Once river they see they will know and the black flowers grow all around and the angels are died by sound?"

Der letzte Song "Water" verblüfft durch eine ausgeprägte Nähe zum traditionellen Country, obwohl er mit seinen Backing-Chorgesängen und den Bläsern durchaus neue Pfade bestreitet und natürlich auch wieder sehr dylanesque klingt. Höre ich da eine Slide-Guitar, obwohl ich dazu im Booklet keinerlei Hinweise finde? Egal, wenn ich das Wasser finde, werde ich gerne den Namen Kevin Morby rufen, ihn in Regen hüllen und löschen wie ein Feuer - allerdings nur, wenn er verspricht, seine kreative Flamme noch für ein paar ähnliche Alben lodern zu lassen.

Tracklist:
01 Cut Me Down
02 I Have Been to the Mountain
03 Singing Saw
04 Drunk and on a Star
05 Dorothy
06 Ferris Wheel
07 Destroyer
08 Black Flowers
09 Water

Dienstag, 21. Juni 2016

NEW SONGS Vol. 124: PREOCCUPATIONS (fka Viet Cong) / Anxiety ... PIXX / Baboo ... DISKOPUNK / Antonio America ... HARPOONER / Carolines


PREOCCUPATIONS (fka Viet Cong) / Anxiety

Die vier kanadischen PostPunk-Noise-Terroristen von Viet Cong, die uns 2015 mit dem gleichnamigen Album und Songs wie "March of Progress" die Ohren kraftvoll, aber diffizil durchpusteten, haben nach drei Alben die Schnauze voll von ihrem Bandnamen und nennen sich jetzt PREOCCUPATIONS. Bei Terroristen ja auch nicht unüblich, dass der Name austauschbar ist.

Die Musik hat sich aber nur marginal geändert, noch immer klingt es sehr düster, noch immer werden die Ohren hinterhältig mit Lärmattacken überrascht und noch immer klingt es sehr sehr bedrohlich ... und großartig! Das neue Album erscheint am 16.9.!



Video-Link:
Preoccupations - "Anxiety" (Official Video) von scdistribution



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PIXX / Baboo

Hinter dem Künstlernamen PIXX, dem Spitznamen ihrer Großmutter, verbirgt sich die 19-jährige Hannah Rogers aus Chipstead, einem kleinen Kaff, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, knapp 25 km südlich von London.

Aufgewachsen in einer musikalischen Familie, die ihre kreativen Talente fördert, gelingt es Hannah einen Platz an der begehrten BRIT School zu ergattern. Inspiriert von so gegensätzlichen Künstlern wie Bob Dylan und Aphex Twin schreibt sie an ihrem ersten Album "Baboo", welches vor kurzem erschien.

Die erste gleichnamige Singleveröffentlichung ist eine Hommage an die Freundschaft der Songwriterin zu einer Dame namens Alice, Spitzname Baboo, die ihr sehr viel bedeutet, weil sie ihr hilft, die Welt zu verstehen. Feine, gleichzeitig mit psychedelischen und elektronischen Elementen spielende Popnummer.




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DISKOPUNK / Antonio America

Aus Stockholm kommen fünf Jungs (Antonio America, Joakim Rydén, Harald Forsmark, William Collins, Henrik Ulvenäs), die sich als Schnittstelle zwischen Rock und Dance begreifen. Folgerichtig nennen sie sich DISKOPUNK

Der Ansatz ist wahrlich nicht neu, schließlich liegt die BritRave-Welle um das Primal Scream-Meisterwerk "Screamadelica" schon 25 Jahre in der Vergangenheit, aber wie The Rapture 2011 mit "In the Grace of Your Love" bewiesen, lässt sich aus einer guten Idee immer wieder Neues gewinnen.

Egal, Sänger Antonio America ist auf jeden Fall eine waschechte Rampensau und die anderen Freaks scheinen auch Spaß bei der Arbeit zu haben wie das Video beweist:




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HARPOONER / Carolines

Am 24. Juni veröffentlicht das Trio HARPOONER, welches von Indiana nach Nashville umzog, sein Debütalbum "Rose Park".

Zwei Singles wurden bereits vorveröffentlicht, darunter die schmissige Fidel-Nummer "Caroline", die es mir besonders angetan hat, weil sie ungestüm zum Tanzen animiert und die lässige, nach LSD-vernebelten Sixties müffelnde Nummer "Hush Up", die man bei Soundcloud zur Zeit noch kostenlos herunterladen kann.

Beide Songs überzeugen durch exquisites Timing und vor allem durch die charismatische schluderige Stimme von Frontmann Scott Schmadeke.

Gerne mehr und Hutträger sind ja sowieso höchst sympathische Menschen ;-).






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