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Montag, 18. Januar 2016

DE STAAT / O

Ja, ich war begeistert von der EP "Vinticious Versions", welche die AlternativeRocker De Staat aus Holland im Januar des letzten Jahres herausbrachten, aber dass diese EP dazu führen würde, dass die Band eine Kurskorrektur in ihrem Sound auch für die Zukunft vornehmen würde, hatte ich nicht erwartet.


Der anfangs noch fast klassische StonerRock des Quintetts aus der Kleinstadt Nijmegen vermischt sich mittlerweile mit so vielen Genres (Funk HipHop, Electro, etc.), dass man nicht umhin kommt, den Mannen um Frontmann Torre Florim das etwas muffig riechende Etikett Crossover zu verpassen.

Gleich der erste Song des Albums, "Peptalk" ist ein wunderbarer Bastard aus einem Riff à la Queens of the Stone Age, einer Rhythmik à la Beastie Boys und einem funky Flow, der an die frühen Red Hot Chili Peppers erinnert und wie geschaffen ist, um in einer Indie-Disco die Tanzfläche in eine hüpfende Menge zu verwandeln. Kenner werden sich sicher auch etwas an "Move" (1993) von den H-Blockx erinnert fühlen.



Auch "Make The Call, Leave It All" ist ein verdammt groovendes FunkRock Gebräu, bei dem die Gitarre Zwischentöne liefert, die wahrscheinlich sogar Glas schneiden. Bei "Get On Screen" quietschen die Keys zu einem relativ dumpfen Beat und Torre Florim klingt, als würde er einen Abzählreim zum Besten geben. Gewöhnungsbedürftig, aber nicht uninteressant!

Bisschen arabisches Ambiente gefällig? "Murder Death"  lässt den Orient näher rücken - was ja zu einigen Ängsten in Europa führt - und da passt das bösartige Riff und der beständig brummende Bass vorzüglich zu den arabischen Klängen, um eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen. Fett! Der Titel lässt es erahnen, auf "Blues is Dead" vermischt die Band BluesRock mit einem 1A-Stoner Riff, geizt aber auch nicht mit elektronischen Gimmicks, um den Song aufzupimpen. Hip Hip Hooray!

ElectroPop? Diese bekloppten Holländer schrecken wunderbarer Weise vor nichts zurück, denn auf "Baby" klingen sie so, als hätten sie einen Prince-Song entführt, um diesen mit Robert Palmer-Sounds-der-80er zu kreuzen. Was fehlt noch? Eine Ballade? Auch in diesem bisher stark vernachlässigten Metier zeigen De Staat nun bei "Time Will Get Us Too" Präsenz. Einfühlsam und doch schräg.

Ähnlich wie bei "Baby" sind die Zutaten für "Round", allerdings fehlt mir hier etwas die Würze im Songwriting. Für den nächsten Knaller "Life Is A Game (Ladadi Ladadada)" empfiehlt es sich den Volume-Regler ordentlich aufzudrehen. Könnte die Ouvertüre für eine ElectroProgRock-Oper sein? Trägt unverkennbar zappaeske Züge.

Sehr witzig ist auch "Systematic Lover". Zu einer relativ simplen Synthi-Melodie gesellen sich SpaceFunk-Anleihen und es quakt ganz seltsam aus den Boxen. Die Jungs machen live bestimmt gehörig Spaß und ich hoffe, dass sie mit "O" auch mal wieder einen Tour-Abstecher nach Deutschland machen, damit ich mich davon live überzeugen kann. Bisher gibt es nur ein Konzert in Haldern (http://rock-im-saal.de/) :-(.

Fans der ersten Stunde dürften aufgrund des kruden Genre-Mixes des Album mit "Help Yourself" und dem sägenden StonerRiff wieder etwas versöhnt werden, mir fehlt da allerdings trotz schöner Breaks und eines feinen Gitarren-Solos etwas das Unerwartbare.

Der letzte Song, "She's With Me" auf  "O" überrascht wieder. Zu minimalistischen Klängen auf der Klampfe singt Torre Florim ein imtimes Liebeslied zum Kuscheln und Knutschen. Also man kann ja viel über Niederländer behaupten, aber langweilig wird es mit ihnen doch nie  - Gruß an Katta ;-)

Tracklist:
 01 Peptalk
 02 Make The Call, Leave It All
 03 Get On Screen
 04 Murder Death
 05 Blues Is Dead
 06 Baby
 07 Time Will Get Us Too
 08 Round
 09 Life Is A Game (Ladadi Ladadada)
 10 Systematic Lover
 11 Help Yourself
 12 She's With Me

Freitag, 15. Januar 2016

VILLAGERS / Where Have You Been All My Life

2008 gründete der Ire Conor J. O'Brien die VILLAGERS. Seit dem durften sich Menschen, die an einfühlsamen IndieFolk gefallen finden, über drei großartige Platten freuen. 


2010 debütierte die Band mit "Becoming a Jackal"*, einem surreal anmutenden Album mit malerischen Melodien und poetischer Tiefe, bei dem O'Brien fast alle Instrumente selbst einspielte. 2013 wagte Conor mit "{Awayland}"** den Schritt zur echten Band,  üppigen Arrangements und lauteren Tönen.

2015 erschien "Darling Arithmetic"***, ein geradezu fragiles Werk, näher am Debüt als am Vorgänger, aber noch minimalistischer und intimer.

Nicht einmal 12 Monate später veröffentlichen die Villagers das Album "Where Have You Been All My Life", eine Art Werkschau, bei der Conor ausgewählte Stücke aus seinen Arbeiten  neu arrangiert. Das erklärte Ziel des Singer/Songwriters war aber nicht eine Best of Compilation herauszubringen, sondern den Zauber seiner Liveauftritte auf einem Tonträger einzufangen, weswegen er die Songs dann an einem Junitag in den RAK-Studios in London live einspielte.

Das "Konzert" beginnt mit dem um eine Minute in die Länge gezogenem Stück "Set the Tigers Free" vom Debütalbum. Conor lässt dem Song in der neuen Version mehr Raum sich zu entfalten, drosselt leicht das Tempo und bleibt mit seiner Stimme immer sanft auf knisterndem Kaminfeuer-Niveau.

Mein liebster Song vom letztjährigen Album "Darling Arithmetic" verändert sich kaum. "Everything I Am is Yours" bleibt ergreifend schlicht und schön. "My Lighthouse", der mutmaßlich leiseste Song vom Album {Awayland}, wird weiter skelettiert auf die Essenz des Leidens. Wer Conor einmal live erleben durfte, ich hatte schon zwei Mal das Vergnügen und freue mich auf mein drittes Konzert im Februar, der wird mir unumwunden Recht geben, dass niemand schöner, feinfühliger und ergreifender leidet als der Ire mit der markanten Stimme.

Was genau Conor mit "Courage" bei seiner Liveeinspielung in London anders macht, kann man schwer beschreiben, aber es klingt luftiger, weniger traurig, so als läge jetzt plötzlich ein größerer Hoffnungsschimmer auf dem sensiblen Song. Dominierte bei "That Day" in der ursprünglichen Version die Rhythmik in einem schier orchestralen Arrangement, präsentiert Conor den Song nun in einer Lagerfeuerballade mit Akustikgitarre und sanft blasenden Hörnern.

Mit "The Soul Serene" verfährt O'Brien in umgekehrter Weise. Die Nummer erhält nun etwas mehr Drive durch das schnellere Gitarrenspiel. Das einzige Stück, welches bisher auf keinem regulären Tonträger der Villagers zu finden war, ist "Memoir". Den Song schrieb Conor für Charlotte Gainsbourg, er erschien als 7-Inch 2011 unter dem Namen CHARLOTTE GAINSBOURG + THE VILLAGERS / Memoir-Set The Tigers Free und auf dem 2012 erschienenen Album "Stage Whispers" der Französin. Fans werden auch in der Version von Madame Gainsbourg die Feder Conors erkennen. In der Neubearbeitung fügt Conor dem bisher von einer akustischen Gitarre geführten Song eine sanft Basslinie hinzu und verschnörkelt ihn mit verspielten Pianoklängen, so dass die Nummer deutlich mehr groovt und swingt.



"Hot Scary Summer" bekommt durch die neu implementierten Pianoklängen eine melancholischere Note und wird speziell zum Ende hin wesentlich schwelgerischer als das Original. Am gespanntesten war ich, was Conor in der Überarbeitung aus dem mit elektronischen Beats arbeiteten "The Waves" zaubern würde. Wie vermutet mutiert dieser Song am deutlichsten. "The Waves" dehnt sich auf über sieben Minuten Spielzeit zu einer geisterhaften epischen Nummer mit faszinierenden Tempowechsel und gesungen mit einer begeisternden Eindringlichkeit, wie sie nur wenige Sänger auf einen Tonträger bannen können.

Auffällig an vielen Neubearbeitungen ist, dass Conor vermehrt das Piano einsetzt, so auch bei "Darling Arithmetic". Einige Stücke erfahren dadurch eine schwermütigere Stimmung, behalten aber ihren sensiblen Charakter, gleiten nie ins Depressive ab, denn irgendwo scheint immer ein kleines Licht der Hoffnung zu brennen. "So Naive" ist der Song, an dem O'Brien nur marginale Veränderungen durchgeführt hat. Zu Beginn sind kaum Unterschiede auszumachen, erst gegen Ende des Songs verleihen ein spooky Keyboard und Bläserarrangements dem Stück eine schwebendere Atmosphäre.

Als letzten Song covern die Villagers "Wichita Lineman" vom amerikanischen Songwriter und Komponisten Jimmy Webb , der in den späten Sechzigern mit Songs wie "Up Up and Away" für The Fifth Dimension Erfolge feierte und beispielsweise in den 80ern den Soundtrack für den Zeichentrickfilm "Das letzte Einhorn" komponierte. "Wichita Lineman" schrieb Webb für den Country-Sänger Glen Campbell , der mit der gefühlvollen in Streicherklängen badenden Ballade 1968 in den USA und in Großbritannien einen TopTen-Hit landete.




Conor O'Brien macht aus "Wichita Lineman" einen lupenreinen Villagers-Song, in dem er das Stück auf die Kernmelodie herunterbricht und von sämtlichem schwülstigen Ballast befreit. Emotional aufwühlend wie alle Songs auf diesem rührendem Album voller Liebe und Hoffnung. Ziel erreicht Mister Conor!

Tracklist:
01 Set the Tigers Free*
02 Everything I Am is Yours***
03 My Lighthouse**
04 Courage***
05 That Day*
06 The Soul Serene***
07 Memoir
08 Hot Scary Summer***
09 The Waves**
10 Darling Arithmetic***
11 So Naive***
12 Wichita Lineman

Dienstag, 12. Januar 2016

MC 900 FT JESUS / Welcome to my Dream

HERZPLATTENREMEBER THAT OLD SHIT
Kategorie: HipHop / Electro / Avantgarde / Jazz
Veröffentlichung: 1991

 

Mark Griffin, der in Texas einen Bachelor of Arts in Musik (Trompete) erwarb, gönnte nach seinem Studium der Welt mit seinem Projekt MC 900 ft. Jesus (bezieht sich nicht wie an vielen Stellen zu lesen ist auf die Jesus Statue in Rio de Janeiro, sondern den TV-Prediger Oral Roberts, der 1997 von einer Vision berichtete bei der ihm eine 900 ft großer Jesus befahl ein Krankenhaus in Tulsa, Oklahoma zu bauen.) nur drei Alben, aber alle drei sind großartige musikalische Hinterlassenschaften, die ihrer Zeit weit voraus waren. Sein herausragendes Werk ist das 1991 erschienene Album "Welcome to my Dream".

Was MC 900-Platten bis heute einzigartig macht, ist die Kombination des gesprochenen Wortes, eher in der Tradition der Last Poets und weniger als klassischer Rap, mit ausgeprägt fetten elektronischen Beats. Die Beats verzahnen zwar einerseits im HipHop, werden aber durch für den Jazz typische Instrumente ("O-Zone") virtuos begleitet.

Die Lyrics des Herrn Griffin, der 1957 in Kentucky als Sohn eines Offiziers geboren wurde, sind alle leicht psychopathisch bis beklemmend ("Hearing Voices in One's Head") und die Songs atmen exakt die Atmosphäre, die Jahre später Massive Attack oder auch Portishead perfektionierten.

Die herausragende Nummer auf "Welcome to my Dream" ist "The Killer Inside me", ein Song, der auf dem gleichnamigen Groschenroman von Jim Thompson basiert und zeigt, dass Scratchen nicht nur als Effekt, sondern als tragendes Element eines Songs funktionieren kann.



Wer "The City Sleeps" zum ersten Mal hört, wird sich vielleicht fragen, woher er den Song kennt. Das könnte daran liegen, dass U2  bei dem Song  "Daddy's Gonna Pay for Your Crashed Car" vom Megaseller "Zooropa" ein Sample aus dem MC 900-Track verwenden. Man kann also davon ausgehen, dass Bono den besten Song, der je für Menschen in der Nacht geschrieben wurde, ähnlich schätzt wie meine Wenigkeit.



Den größten kommerziellen Erfolg hat das Projekt MC 900 ft. Jesus im Jahre 1996, als Levis den Song "Falling Elevator" für einen weltweit erfogreichen Werbeclip im Waschsalon einsetzte. Zu dieser Zeit hatte Mark Griffin allerdings schon desillusioniert mit dem Musikbusiness abgeschlossen.

Sein letztes Album erschien 1994, das vierte wurde wegen Konflikten mit seiner Plattenfirma nie fertiggestellt, weil Griffin hinschmiss und seine Dollars fortan als Fluglehrer verdienen wollte. Mittlerweile arbeitet er in Dallas in einer Buchhandlung und betätigt sich sporadisch an Wochenenden als DJ in den örtlichen Clubs. Schade, schade.

Tracklist:
"Falling Elevators"  6:46
"Killer Inside Me"  4:08
"Adventures in Failure"  5:45
"The City Sleeps"  5:29
"O-Zone"  4:32
"Hearing Voices in One's Head"  5:54
"Dali's Handgun"  4:41
"Dancing Barefoot"  4:31

Diskographie:
- MC 900 Ft. Jesus With DJ Zero /   Hell with the Lid Off (1989)
- MC 900 Ft. Jesus / Welcome to My Dream (1991)
- MC 900 Ft. Jesus / One Step Ahead of the Spider (1994)